Insgesamt 19 Wahlen zum Weißen Haus stellt Gerste in blendend geschriebenen und treffsicher argumentierten Kapiteln vor. Wer nach Namen, Programmen, Daten, Ergebnissen oder wissenswerten Anekdoten am Rand sucht, kommt ebenso auf seine Kosten wie Leser, die sich für große Entwicklungslinien interessieren. Vor allem wird dabei deutlich, warum sich amerikanische Politik von den Gepflogenheiten in anderen Demokratien fundamental unterscheidet: Jenseits des Atlantiks kann nämlich von einem öffentli-chen Diskurs in dem uns gewohnten Sinn nicht die Rede sein. Parteien waren und sind, von kurzen Perioden Ende des 19. Jahrhunderts und von den 1930er Jahren abgesehen, keine Orte politischer Willensbildung, sondern Zweckbündnisse zur Ämterpatronage. Dementsprechend geraten Parteitage regelmäßig zu Krönungsmessen, mitunter auch zu Foren „orchestrierter Massenhysterie“.
Nicht nur, aber vor allem mit dieser Beobachtung macht Gerste auf ein Problem aufmerksam, das die Welt in Zukunft mehr beschäftigen wird, als ihr lieb sein kann. Gemeint ist die Abdankung einer Politik der Argumente zugunsten von Inszenierungen, die Gefühl gegen Verstand, Image gegen Substanz und Schein gegen Sein erfolgreich ausspielen. Warum Gerste gleichwohl von einer „Erfolgsgeschichte“ des amerikanischen Modells spricht, bleibt das einzige Rätsel seines Buches.
Rezension: Greiner, Bernd





