Solche Fragen kommen bei Tom Holland nur beiläufig zur Sprache, etwa wenn er von der Globalisierungsleistung des Reichs spricht. Der erfolgreiche britische Autor lässt seiner Darstellung der ausgehenden Republik (siehe DAMALS 1-2016, Seite 54) nun einen zeitlich anschließenden Band folgen. Erneut erweist Holland Gespür, wie aus bekannten Tatsachen und Erzählungen über Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius, Nero, ihre Frauen und ihr höfisches Umfeld darstellerisch Funken zu schlagen sind. In welchem Ausmaß bereits die von Sueton und Tacitus präsentierte Geschichte, nicht selten ein „terrorgeschüttelter, blutgetränkter Alptraum“, eine Konstruktion darstellt, ist Holland dabei durchaus klar: „All jenen, die Stories erfinden und sie durch Gift und exotisch-krasse Perversionen aufpeppen wollen, bietet die Geschichte der Caesaren praktisch alles. Mörderische Matriarchinnen, inzestuöse Powerpaare, geknechtete Beta-Männchen, denen letztlich dann doch eine Machtposition zufällt, von der aus sie über Leben und Tod entscheiden können.“
Doch zum Gewinn für den Leser unterlässt er es, ein dürr-rationalisierendes Gegennarrativ zu entwickeln; vielmehr zieht er uns mit einem wuchtig-lapidaren Stil und ohne Scheu vor drastischen Formulierungen in die Welt der Caesaren hinein. Wie sein erkennbares Vorbild Ronald Syme ermutigt er zugleich durch pointierte Sätze und kluge Beobachtungen immer wieder zum Verlassen eingefahrener Gleise der Interpretation.
Der Titel des Buches verweist auf die Hakenschläge der Geschichte: Augustus wurde durch Adoption zum Julier, sein Nachfolger Tiberius kam durch die Ehe seiner Mutter Livia mit dem ersten Prinzeps ins Haus. Nero, der letzte Julier, soll den Tod des Britannicus, des letzten Claudiers dieser Linie, befohlen haben. Mit Recht erscheint die Herrschaft der Julio-Claudier hier als ein fortwährender, von Zufällen begleiteter Prozess des Experimentierens, wobei der von Augustus zäh und mit Glück durchgehaltene Versuch besonders gut gelang.
Seine Nachfolger zehrten von dem hier angesammelten Stabilitätskapital. Doch jeder von ihnen schaffte es, „auf seine ganz eigene Weise die Welt zu regieren, eine Legende zu bilden, die das Haus der Caesaren für alle Zeit mit einer Ära des Unheim‧lichen, die Grenzen der Sterb‧lichen Sprengenden umgab“. Holland erzählt diese alte Geschichte für unsere Zeit, in satten Farben und zugleich fundiert.
Rezension: Prof. Dr. Uwe Walter





