Auch wenn heute fast niemand mehr die Seuche als Strafe Gottes betrachte und die damals angeordneten Hilfsmaßnahmen nicht mehr in Frage kämen, fehle es gegenwärtig an einem vergleichbaren politischen Willen zum kollektiven Handeln. Die moderne Politik habe den Anstieg medizinischen Wissens zum Anlass genommen, den Umgang mit Epidemien „an einen Stab von Spezialisten auszulagern und aus der Sphäre des kollektiven staatlichen Entscheidens zu verbannen.“ Das habe sich etwa bei EHEC als „bequeme und risikoarme Variante“ erwiesen, „die moderne Mandatsträger vor dem Versagen ihrer mittelalterlichen Vorgänger schützt“.
Doch Epidemien seien keine rein technologische Angelegenheit, unterstreichen die Autoren. Die Wertmaßstäbe der Politik müssten dringend überdacht werden. Wie im Pest-Zeitalter seien auch durch Ebola traditionelle Werte im Gemeinwesen bedroht. Die Historiker, die am Exzellenzcluster den politischen und gesellschaftlichen Umgang mit der Pest im Mittelalter erforschen, schreiben weiter: „Die Vorstellung, man könne Ebola getrost den Experten überlassen und ansonsten ohne politische Verantwortung auf Nichtregierungsorganisationen und ein Grüppchen enthusiastischer Freiwilliger abwälzen, erweist sich angesichts exponentieller Ansteckungsraten als gefährlicher Trugschluss.“
Auch der Entschluss, die klinische Entwicklung eines Impfstoffes der Initiative kommerzieller Pharma-Unternehmen zu überlassen, sei fatal. „Gerade wenn man die Seuche nicht mehr als unkontrollierbaren Ausfluss einer ‚höheren Gewalt’ abtut, erwächst aus ihr die Notwendigkeit kollektiven Handelns.“ Es gelte, die an die Weltgemeinschaft gerichteten Appelle von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ernst zu nehmen.
Positiv heben die Wissenschaftler hervor, dass Menschen wie Ärzte und Pfleger auch heute noch das Risiko eingingen, Erkrankten zu helfen. Die Unterstützung der Kranken, die verschiedene Religionen seit Jahrhunderten festschrieben, sei in der kulturellen Werteorientierung der Moderne nicht verloren gegangen oder vollständig dem medizinischen Wissen um Infektiosität und Eindämmung unterworfen worden. „Es ist beruhigend, dass menschliche Zuwendung im öffentlichen Diskurs nach wie vor den Impuls zur vollständigen Ausgrenzung der Kranken überwiegt, wie sie ein rein technokratisches Seuchenschutzprogramm womöglich priorisieren würde.“
Der Beitrag mit dem Titel „Ebola und die Lehren der Pest: Politik im Schatten der Seuche“ beschreibt, wie die Bevölkerung und die politischen und geistlichen Obrigkeiten des Mittelalters mit der Pest umgingen. So wird aus einem Augenzeugenbericht des Notars Gabriele de Mussis zitiert, der als einer der ersten Europäer im Frühjahr 1347 auf der östlichen Krim den Beginn der großen Pestepidemie erlebte. „Wer als Mittelalter-Historiker momentan derartige Texte durchforstet, blickt nicht mehr in die weite Ferne einer vermeintlich ‚finsteren’ Epoche“, schreiben die Forscher. „Er fühlt sich aus der vertrauten Studierstube unmittelbar in die Gegenwart versetzt, deckt sich der Bericht doch erschreckender Weise mit den jüngsten Meldungen über die unaufhaltsame Verbreitung des Ebola-Virus.“ Auch heute seien es die Helfer, die vor Ort Kranke in ihren Familien versorgen oder ihnen mit dem Wissen westlicher Medizin zur Seite stehen, die selbst zu Opfern oder Überträgern der Seuche würden. „Wie zu Zeiten der mittelalterlichen Pest drohen traditionelle Werte und Strukturen am Schrecken des Seuchengeschehens zu zerbrechen.“





