Fluchtafeln waren in der Antike beliebt und weit verbreitet. In der Zeit von 500 vor bis 500 nach Christus wurden solche Täfelchen und die mit ihnen verknüpften Rituale vom Mittelmeerraum bis weit in den Norden Europas genutzt, um etwa Gegner in einem Gerichtsprozess, Wettbewerber auf der Pferderennbahn oder Konkurrenten in Liebesangelegenheiten auszustechen. Sie waren als Alltagsphänomen in einfachen wie auch in gebildeten Kreisen beliebt. Rund 1700 solcher Fluchtäfelchen wurden bereits gefunden und noch immer kommen neue dazu oder werden neu entziffert.
Verfluchung mittels Text und Ritual
Wollte man damals einen Gegner oder Konkurrenten mittels Fluch ausschalten, schrieb oder ritzte man entsprechende Verwünschungen auf Bleibleche. Die Bleitafeln mit den eingeschriebenen Verwünschungen wurden dann oft in Gräbern oder in der Nähe von Heiligtümern deponiert, weil man an solchen besonderen Orten die Nähe der Unterweltmächte vermutete. Sie sollten dem Schadenzauber zum Erfolg verhelfen. „Nicht nur der Bindezauber in den jeweiligen Formulierungen, sondern auch der Schreibvorgang selbst, das Durchstechen der Tafeln oder ihr Vergraben an bestimmten Plätzen sind Teil des Verfluchungsrituals“, Michael Hölscher von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Mainz.
Die in der Wissenschaft als „Defixion“ bezeichnete Verfluchung galt in der Antike allerdings als schwarze Magie und war im römischen Recht sogar verboten. Das hielt die Menschen der damaligen Zeit aber nicht davon ab, Fluchtäfelchen und die damit verknüpften Rituale zu praktizieren, wie die zahlreichen archäologischen Funde belegen. Welchen Einfluss die Fluchtafeln sogar auf christliche Schriften wie die Offenbarung des Johannes hatten, erforscht Hölscher im Rahmen des Projekts „Entzauberte Rituale“. Er untersucht den Text des letzten Buchs im Neuen Testament der Bibel darauf, ob sich dort verdeckte Parallele zu Fluchtafeln und ihren Ritualen finden. Das Werk des Sehers Johannes wurde im ersten Jahrhundert nach Christus verfasst und richtete sich an Christen an der Westküste Kleinasiens.
Deutliche Anklänge in der Johannesoffenbarung
Tatsächlich wurde Hölscher fündig. „In der Johannesoffenbarung können wir Anklänge an die Inschriften und Praxis der Fluchtafeln erkennen”, berichtet der Forscher. „Wir finden sprachliche Formulierungen, die ganz ähnlich schon auf den Fluchtafeln verwendet wurden, auch wenn es keine wortwörtlichen Zitate gibt.” Als Beispiel nennt er die Beschreibung eines Engels, der einen Stein ins Meer wirft mit den Worten: „So wie dieser Stein ins Meer fällt, soll auch Babylon untergehen.“ Diese Beschreibung lasse sich wie ein Verfluchungsritual lesen, erklärt der Theologe. Die Menschen der damaligen Zeit hätten diese Anspielungen auf Fluchrituale sicher wiedererkannt.





