Die Märchen geben aber dennoch Auskunft über das Leben und den Alltag im 19. Jahrhundert sowie die damaligen Wert- und Moralvorstellungen. Wo schlief Dornröschen? Der Märchenillustrator Otto Ubbelohde verortete einst in seiner bekannten Zeichnung das Schloss der schlafenden Schönheit in Mittelhessen, indem er sich Weilburg als Vorbild nahm. „Viel entscheidender als Fragen nach geographischen Ursprüngen sind jedoch Kernfragen nach dem Alltag der Menschen in früheren Zeiten,“ erläutert die Marburger Ausstellungskuratorin Christina Schlag. Wie lebten die Reichen? Wie ging es in einem Armenhaushalt zu? Wie beging man damals die Übergänge im Leben eines Menschen? Auf diese Fragen hatten Studierende der Philipps-Universität Marburg in den Fächern Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaften im reichen Fundus der Volkskundebestände des Museums für Kunst und Kulturgeschichte sowie mittels ergänzender Leihgaben Antworten gesucht. „Anhand der berühmten Zwergenfrage ,Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?’ aus Schneewittchen lässt sich beispielsweise ein Wandel in der Tischkultur hin zum eigenen Teller und weg vom gemeinschaftlichen Topf in der Mitte des Tisches schließen,“ erklärt Professor Dr. Harm-Peer Zimmermann vom Institut für Populäre Kulturen der Universität Zürich, der das Lehrforschungsprojekt mitbetreute.
Die Ausstellung im Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität Marburg (Ernst-von-Hülsen-Haus, Biegenstraße 11, 35037 Marburg, Tel.: 06421/28-22355) wird bis zum 31. Dezember 2014 zu sehen sein. Die Ausstellung widmet sich neben der Frage der Herkunft der Märchen auch den darin zu findenden Darstellungen des Waldes, den stereotypen Märchenfiguren und dem Gesellschaftsbild in den Märchen. Insgesamt 156 Märchen umfassen die beiden Bände der Erstausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“ von 1812 und 1815. Viele von ihnen ließen sich die Brüder Grimm von jungen, gebildeten Damen am Teetisch erzählen. Manches entnahmen sie aber auch alten Schriften, die sie in Archiven und Bibliotheken in ganz Deutschland fanden. In den späteren Ausgaben wurden Texte durch andere ersetzt und es kamen weitere Märchen hinzu. Die Ausgabe letzter Hand enthielt 211 Erzählungen. Nicht alle der gesammelten Texte gelangten auch zur Veröffentlichung. Die Brüder Grimm hofften, germanische Ursprünge in der mündlichen Überlieferung ausmachen zu können. Sie berücksichtigten dabei nicht die europaweite Verbreitung vieler Märchen. Die Schreibstube als „Ort des Geschehens“ war eine entscheidende Station des Weges von der Erzählung bis zum heute bekannten Märchen.





