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RezensionRezensionen

Ehekitt im Mittelalter

Autor: Prof. Dr. Bernd Schneidmüller

Bei dynastischen Eheschließungen im Mittelalter ließen Frauen nicht selten alles aus ihrer Kindheit und Jugend zurück, um am Hof ihrer Ehemänner Erwartungen zu erfüllen, …

Ehekitt im Mittelalter
Bei dynastischen Eheschließungen im Mittelalter ließen Frauen nicht selten alles aus ihrer Kindheit und Jugend zurück, um am Hof ihrer Ehemänner Erwartungen zu erfüllen, sich anzupassen und bald für möglichst männlichen Nachwuchs zu sorgen. Michael Borgolte, einer der besten Kenner vergangener Kulturen, nennt diese Königinnen „Heiratsmigrantinnen“. Im kurzen Abstand zu einem ersten Werk über die frühmittelalterliche Königin in der Fremde verschiebt sich der Fokus in diesem neuen Buch auf das 11. und 12. Jahrhundert.
Autor
Prof. Dr. Bernd Schneidmüller
01. Juli 2026
Lesezeit
2 Minuten
Rubrik
Rezensionen

Dass es dem Autor um mehr geht als um bloße Elitenhochzeiten, verrät die im Untertitel präsentierte These von der politischen Integration Europas durch Heiraten. Angesichts aktueller Probleme liefert dieses Buch über hochmittelalterliche Frauen auf ihren Wegen zu fremden Ehemännern verblüffende Denkanstöße vergangener Andersartigkeit. Junge Frauen nahmen ihre Bestimmung als Gattin eines in der Regel nicht selbst gewählten Ehemanns und als Mutter seiner Kinder zumeist selbstverständlich hin. Eigenständiges weibliches Entscheiden war die Ausnahme. Spontane Liebesheiraten, wie wir sie in der Moderne erwarten, kommen in den nüchternen Quellen kaum vor. Trotzdem funktionierte das System verabredeter Heiraten über Jahrhunderte.

Borgoltes Buch spart die Schattenseiten nicht aus, die Demütigungen der Ausländerin, die Schmach der betrogenen oder verstoßenen Ehefrau, ihre Unterordnung ins politische System des Aufnahmelands. Aber wir begegnen auch Spielräumen, welche die Königinnen je nach Konstellation oder Geschick nutzten. Und wir entdecken immer wieder ein dynastisches System, das Männer und Frauen in feste Rollenmodelle einfügte.

Borgolte kennt wie kaum ein anderer den ganz weiten geographischen Rahmen. Die Fülle der ehelichen Verbindungen wird in Stammtafeln gebündelt, ohne die man sich bei vielen Namen und Verbindungen kaum zurechtfinden würde. Das Europa des 11. und 12. Jahrhunderts tritt hier von Spanien bis in die Rus als gewaltiger Heiratsmarkt auf, über die Sphären von lateinischer und orthodoxer Christenheit, ja sogar über christlich-muslimische Grenzen hinweg. Schuf das Heiraten echte politische Integration? Oder beruhte alles auf der Selbstaufgabe von Frauen zugunsten der Erwartungen ihrer Aufnahmefamilien?

Neben zahllosen angepassten Ehefrauen kennen wir nur wenige Verweigerungen. Eupraxia (gest. 1109), die zweite Gemahlin Kaiser Heinrichs IV., entfloh ihrer Demütigung als Sexsklavin am salischen Hof und trug ihren Missbrauch vor ein päpstliches Gericht. Borgolte folgt den früheren beschwichtigenden Urteilen nicht, die alle Vorwürfe Eupraxias als bloße Propaganda von Salierfeinden verniedlichten. Vielmehr bescheinigt er der gedemütigten Kaiserin persönliche Tapferkeit gegenüber Kaiser Heinrich IV. als einem sexuellen Gewalttäter. So verändert unsere Gegenwart die Urteile der Mittelalterforschung. Jetzt wird Eupraxia nicht mehr wie in der älteren deutschen Geschichtsschreibung als „schamloses Weib“ diffamiert, sondern als Opfer männlichen Missbrauchs ernst genommen.

Prof. Dr. Bernd Schneidmüller

Michael Borgolte, Königinnen zwischen Fremde und Vaterland. Heiratsmigrantinnen des hohen Mittelalters und die politische Integration Europas. Wallstein Verlag, Göttingen 2026, 450 Seiten, € 36,–.

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