von VOLKER REINHARDT
Ein König ohne Hof war nach den Maßstäben des frühen 16. Jahrhunderts kein König, sondern eine traurige Figur von zweifelhafter Legitimität. Franz’ Vorgänger Ludwig XII. hatte seine bescheidene Entourage um acht Uhr abends schlafen geschickt, um die Ausgaben für Bankette und Unterhaltung zu sparen. Mit diesem Geiz hatte er sich und die Monarchie diskreditiert.
Franz I., sein Nachfolger aus einer neuen Dynastie, wollte es besser machen und wusste auch wie – seine Vorbilder fand er in Italien. Die Fürsten von Mantua, Ferrara und Urbino hatten seit der Mitte des 15. Jahrhunderts ihren Hof zu einer Bühne ausgestaltet, auf der grandiose Schauspiele ihres Ruhmes dargeboten wurden, und zwar mit dem Herrscher als Hauptakteur und dem Adel in dienenden Nebenrollen.
„Headhunter“ suchen in ganz Europa nach Künstlern von Rang und Namen
So war der Hof nicht primär Herrschafts- und Verwaltungszentrum, sondern eine bis ins letzte durchorganisierte und in zahlreiche Stufen gegliederte Maschinerie der Verherrlichung und der Propaganda, für die hoch spezialisiertes Fachpersonal angeworben werden musste; entsprechend gab es in allen Metropolen „Headhunter“, die Künstler aller Sparten – Architekten, Bildhauer, Maler, Komponisten und Musiker – an hochgeborene Auftraggeber vermittelten. Besonders prominente „Neuerwerbungen“ dieser Art waren allein schon durch ihre Anwesenheit an einem Hof ein Prestigetitel.
Die heute bei weitem berühmteste dieser lebenden Trophäen am Hofe Franz’ I., der nach schnellem und stürmischem Ausbau auf die Rekordzahl von 10 000 Höflingen zusteuerte, war Leonardo da Vinci, der im Schlösschen Cloux bei Amboise, in unmittelbarer Nähe zum König, als dessen „Erster Maler, Ingenieur, Architekt und Staatsmechaniker“ seine zwei letzten Lebensjahre bis zu seinem Tod am 2. Mai 1519 aristokratisch einquartiert verbrachte. Gastronomisch bestens verpflegt wurde er von einer italienischen Haushälterin und Köchin. Von seinem königlichen Dienstherrn hoch respektiert, verbrachte Leonardo an der Loire einen goldenen Lebensabend.
Ein so stilvolles Ende war nicht absehbar gewesen. Leonardo galt seinen Zeitgenossen als ein hervorragender, aber leider auch sehr unzuverlässiger Maler, der dazu neigte, Auftragskunstwerke unvollendet zurückzulassen. Unser heutiges Bild des Künstlers als einzigartiges Genie der Naturbeobachtung und Naturzeichnung– noch nicht Naturwissenschaft, dafür fehlte ihm das Interesse an Gesetzmäßigkeiten und Formeln – beruht auf seinen Manuskripten. Die Notizbücher mit ihren Tausenden atemberaubenden Zeichnungen, etwa des Vogelflugs, strömender Gewässer und der (nicht immer korrekt wiedergegebenen) menschlichen Anatomie, waren im 16. Jahrhundert der Öffentlichkeit noch nicht bekannt.





