Im selben Jahrveröffentlichte der einflussreiche, später mit dem Literatur-Nobelpreis dekorierte Historiker den ersten Band seiner bis heute berühmten „Römischen Geschichte“. Sie stellte, mit den danach erschienenen übrigen drei Bänden, alles in den Schatten, was bis dahin auf dem Buchmarkt zur Geschichte Roms kursierte. Er holte die „Alten“ tatsächlich vom „Kothurn“ (einem hohen Theaterstiefel, wie ihn die damaligen Schauspieler benutzten) herunter und versetzte sie mitten ins pralle Leben. Kein Wissenschaftler vor ihm hatte die Antike so plastisch und anschaulich geschildert. Statt Heroisierung und erhobenem Zeigefinger bot Mommsen dem Publikum Antike pur.
Als Mommsen den Brief schrieb und die „Römische Geschichte“ auf den Markt brachte, war in Pompeji gerade die erste große Phase der Wiederentdeckung und Ausgrabung zu Ende gegangen. Die Gelehrtenwelt und die interessierte Öffentlichkeit waren hoch sensibilisiert für Neuigkeiten vom Golf von Neapel. Zwar hatte Mommsen auch andere Gründe, eine „neue“ römische Geschichte zu schreiben (er wollte so schlicht den Verkauf antreiben), doch wehte bei ihm wenigstens ein Hauch von Pompeji durch die Buchseiten.
Die Stadt unter der Asche fordert die schriftlich tradierte Geschichte heraus
Pompeji änderte den Blickwinkel auf die Antike, insbesondere auf die Geschichte der Römer. Über das Staunen und Bewundern hinaus lieferte die versunkene und wieder auferstandene Stadt neue Themen, die bis dahin keine oder nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatten. Pompeji ermutigte und provozierte dazu, neue Horizonte zu erschließen (und tut dies immer noch).
An erster Stelle steht das Alltagsleben. Pompeji eröffnete ein bis dahin unbekanntes Spektrum an direkten Einblicken in die Art und Weise, wie die Menschen lebten und wohnten, oder, um mit Mommsen zu sprechen, wie sie hassten und liebten, sägten und zimmerten. Mit dem Nachweis des Phantasierens oder Schwindelns ist die Archäologie allerdings überfordert, auch wenn beides in einer vitalen Stadt wie Pompeji keine Seltenheit gewesen sein dürfte.
Durch Pompeji wurde die Alltagsgeschichte zu einem festen Bestandteil der Geschichtswissenschaft – allerdings nicht sofort, sondern erst sukzessive, vor allem, als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehr und mehr die Wirtschafts- und Sozialgeschichte in den Fokus der Wissenschaft trat. Ob Bankiers, Handwerker, Garküchenbetreiber, Gladiatoren – Pompeji lieferte zu allen Berufszweigen das passende, sichtbare Ambiente.
Mit Pompeji war eine Präsentation von Geschichte vorbei, die sich allein auf Kriege und sonstige Haupt- und Staatsaktionen konzentrierte. Ohne Pompeji hätte man nie etwas von dem Kuchenverkäufer Pudens erfahren, der seinen Verkaufsplatz neben dem Theater hatte und den Besitzanspruch auf diesen offenbar lukrativen Standort mit den in die Wand geritzten Worten „Pudens libarius hic“ („Hier ist der Kuchenverkäufer Pudens“) dokumentierte.





