Das gleiche Land Schweden, das in neuerer Zeit als ein Land des Friedens erscheint und den Stifter des Friedensnobelpreises hervorgebracht hat, gehörte einst zu den kriegerischsten Ländern Europas. Die schwedische Erinnerungskultur ist sich dessen bewusst und stellt sich in Museen und Publikationen kritisch dieser Vergangenheit. Kein Geringerer als der 2009 zum federführenden Sekretär der Schwedischen Akademie der Schönen Künste berufene Peter Englund hat dem Dreißigjährigen Krieg ein Buch gewidmet, das unter dem sprechenden Titel „Die Verwüstung Deutschlands“ auch in deutscher Übersetzung erschienen ist.
Tatsächlich hat damals in einer breiten Zerstörungsdiagonale von der Ostsee bis nach Südwestdeutschland mehr als die Hälfte der Bevölkerung das Leben verloren. Zwar kam die „Kleine Eiszeit“ – es wurde damals kälter, und die Vegetationsperiode verkürzte sich ertragsmindernd – verschärfend hinzu, aber für die Menschen bedrohlicher als das sich stets wandelnde Klima war die Kriegskatastrophe. Die Schreckensmeldungen über Gewaltorgien entlang den Heereszügen, vor denen die Landbevölkerung hinter Stadtmauern oder in die Wälder flüchtete, sind keine leere Rhetorik, sondern in zahllosen Berichten, Tagebüchern und Verzeichnissen oft sogar mit Namen und Datum festgehalten. Die Bevölkerungsverluste waren nicht allein der unmittelbaren Kriegsgewalt geschuldet, aber durch permanente Requirierung von Getreide und Vieh verengte sich der Nahrungsspielraum, und mit den Heeren und der Flucht der Landbevölkerung in die Städte wurden Krankheiten verbreitet, denen die entkräfteten Menschen erlagen. Der Kampf um die letzten Ressourcen aber führte wieder zu neuen Gewalttaten und so fort. Die unheilige Dreifaltigkeit von Gewalt, Hunger und Seuchen wurde als eine so nie dagewesene Kulturbedrohung wahrgenommen.
Diese flächendeckende Verwüstung Deutschlands war vor allem in der zweiten Hälfte des Krieges zu beklagen und eine Folge des Eingreifens Schwedens und anderer europäischer Mächte wie Frankreich oder Spanien. Doch hat Schweden die nachhaltigsten Spuren in Sprache und Landschaft hinterlassen: Die Begriffe Schwedentrunk, -schanzen oder -löcher stammen aus dieser Zeit. Sogar ins Kinderlied fand das Bedrohungstrauma der Bevölkerung Eingang: „Bet, Kindlein, bet, morgen kommt der Schwed“, wurde damals gereimt. Dabei waren die Soldaten nicht nur Täter, sondern ebenso Opfer. Am Ende kämpften die jungen Männer, die in Schweden zur Armee ausgehoben worden waren, mit den Einwohnern um die letzten Nahrungsreserven. Durchschnittlich überlebten die schwedischen Soldaten in Deutschland nur drei Jahre; zumeist starben sie nicht an den direkten Kriegsfolgen, sondern an Entkräftung und Seuchen. Nur jeder Zehnte kehrte in seine Heimat zurück, die so neben den in zwei Jahrzehnten Krieg verbrauchten Ressourcen einen Verlust an arbeitsfähigen Männern hinnehmen musste. Es gab daher durchaus Friedensstimmen in der schwedischen Führung. Eine von ihnen warnte vergeblich, dass, wenn der Krieg so weitergehe, Schweden zwar viel Land erobert, das eigene aber ruiniert haben werde.





