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Ein Kampf, den er nicht gewinnen konnte
Nach Jahren in der Opposition kehrte Winston Churchill 1951 noch einmal in die Downing Street zurück. Aber den radikalen Wandel der Welt konnte auch ein erfahrener Politiker wie er nicht aufhalten: Dekolonisation und Zerfall des Weltreichs, Kalter Krieg und Verschiebung der Macht hin zu den neuen Supermächten USA…
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Die haushohe Niederlage Winston Churchills bei den Parlamentswahlen vom Juli 1945 muss aus heutiger Sicht erst einmal verwundern. Waren die Briten undankbar geworden? Wie konnten sie ihren großen Kriegshelden abwählen, dessen Verehrung schon zu Lebzeiten kultische Züge angenommen hatte? Tatsächlich gab es dafür gute Gründe. Die britischen Konservativen hatten im Wahlkampf ganz auf die Popularität Churchills gesetzt. Doch dieser hatte seinen Landsleuten rhetorisch nicht viel anderes anzubieten als in Kriegszeiten: Warnungen vor totalitärer Gefahr, die jetzt nicht mehr von den deutschen Nazis ausging, aber angeblich von der britischen Labour-Partei.
Ein konstruktives innenpolitisches Programm hatten die Tories nicht. Doch die britischen Wähler wünschten sich sozialpolitische Reformen und mehr staatliches Engagement für Gesundheit, Bildung und auf dem Wohnungsmarkt. Churchill hatte den Krieg gewonnen, jetzt sollte der neue Premierminister, der Labour-Politiker Clement Attlee (amt. 1945–1951), für die Briten „den Frieden gewinnen“.
Sparkurs und Rationierung von Lebensmitteln: Nachkriegsrealität in Großbritannien
Die Probleme, vor denen die neue Regierung stand, waren allerdings gewaltig. Großbritannien gehörte zu den Gewinnern des Krieges, war aber pleite. Die Gold- und Dollarreserven des Landes waren aufgebraucht, die Auslandsverschuldung drückte. Großbritannien stand vor dem Staatsbankrott, der nur durch weitere Kredite aus den USA und Kanada abgewendet werden konnte.
Die Regierung musste einen strikten Sparkurs einschlagen, und die Rationierung von Lebensmitteln, die einst als Kriegsmaßnahme eingeführt worden war, blieb weiter bestehen – 1946 wurde sogar Brot rationiert. Während beim ehemaligen Kriegsgegner Deutschland nach der Währungsreform von 1948 zumindest in Westdeutschland die Wirtschaft bald wieder Fahrt aufnahm, waren die ökonomischen Folgen des Krieges in Großbritannien auch im Alltag der Menschen noch viele Jahre deutlich zu spüren.
Mit den ökonomischen Problemen verbunden war eine Krise des Empire, die durch erste Auflösungstendenzen und britische Ohnmacht angesichts religiöser Konflikte und extremer Gewalt zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen gekennzeichnet war. Das betrifft zum einen Indien, das 1947 angesichts von Unruhen und drohendem Bürgerkrieg überhastet in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Die durch Großbritannien festgelegte Teilung des Gebiets in das mehrheitlich hinduistische Indien und das mehrheitlich muslimische Pakistan führte zu Flüchtlingsströmen, Krieg und Gewalt mit Hunderttausenden von Toten.
Ähnliche Probleme zeigten sich auch in Palästina, das nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs zu einem britischen Mandatsgebiet geworden war. Auch hier gab es massive Spannungen zwischen einer arabischen Mehrheit und einer jüdischen Minderheit, die durch den Flüchtlingsstrom jüdischer Holocaust-Überlebender noch verstärkt wurden. Auch in diesem Fall zog sich Großbritannien zurück, konnte somit nicht den Palästinakrieg verhindern, der schließlich zu einer einseitigen Staatsgründung Israels im Jahr 1948 führte.
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Während sich somit eine neue Weltordnung konstituierte, war Winston Churchill konservativer Oppositionsführer im britischen Unterhaus. Das füllte ihn aber offensichtlich nicht aus, denn er nahm sich viel Zeit, um als weltreisender Staatsmann zahlreiche Einladungen und internationale Ehrungen anzunehmen. Überall war Churchill ein gefragter Redner, von dem man sich kluge Einsichten zu den tektonischen Verschiebungen in der Weltpolitik erhoffte.
Besonders zwei Reden zur internationalen Politik aus dieser Zeit stechen heraus. Am 5. März 1946 sprach er in Fulton (Missouri) von einem „Iron Curtain“, der in Europa zwischen Ost und West niedergehen würde. Das Bild vom „Eisernen Vorhang“ war zwar nicht neu, doch Churchill prägte die Metapher für die von den USA und der Sowjetunion dominierte bipolare Weltordnung, bevor der Kalte Krieg so richtig begonnen hatte.
Frühe Vision für Europa – allerdings ohne die Briten
Seine prophetische Gabe bezüglich der Nachkriegsordnung zeigte sich auch in seiner Rede an der Universität Zürich am 19. November 1946. Hier sprach er von der Notwendigkeit einer deutsch-französischen Aussöhnung als Basis eines europäischen Einigungsprozesses, an deren Ende er die „Vereinigten Staaten von Europa“ sah.
Wegen dieser Zürich-Rede gilt Churchill als europäischer Vordenker. Das stimmt, weil er früh die Bedeutung der deutsch-französischen Freundschaft erkannt hatte. Es stimmt gleichzeitig nicht, weil für ihn Großbritannien nicht Teil dieses Projekts sein sollte. Europa war für Churchill eine „Perspektive für die anderen, während das Inselreich selbst dieses Vorhaben lediglich von außen als einer seiner ‚Freunde und Förderer‘ begleiten wollte“, so die Analyse des Europa-Historikers Kiran Patel.
Aus Churchills Sicht konnten die Briten unmöglich Teil Europas sein, solange der Rest des Commonwealth draußen bleiben würde. Hier blieb er ganz den Denkmustern der imperialen Tradition Großbritanniens verhaftet. Aber auch die von ihm so gehegte special relationship mit den USA sprach gegen ein britisches Engagement in Europa. Fest steht: Unter Churchill wurde Großbritannien in den 1950er Jahren nicht Teil des europäischen Einigungsprozesses; am europäischen Gründungsmythos hatte das Land keinen Anteil.
Dafür arbeitete Churchill an seinem eigenen Mythos. Zwischen 1948 und 1953 erschien seine sechsbändige Geschichte des Zweiten Weltkriegs, ein monumentales und außerordentlich erfolgreiches Werk, für das Churchill neben seinen eigenen Schriften auch die Zuarbeit von Historikern und Ghostwritern nutzte und den fremden Texten dann seinen charakteristischen Stil aufprägte. Das geflügelte Wort, dass die „Geschichte von den Siegern geschrieben“ wird, trieb Churchill hier auf die Spitze, denn er popularisierte ein Geschichtsbild, in dem letztlich ein einziger Mann den Nazis die Stirn geboten hatte: Winston Churchill.
Um das heldenhafte Bild aufrechterhalten zu können, musste vieles weggelassen werden. So blieb die Rolle der Roten Armee ebenso wie das Flächenbombardement deutscher Städte durch die Royal Air Force eher unterbelichtet. Gleichzeitig sparte Churchill nicht mit Kritik. Diese traf vor allem seine Vorgänger, die Premierminister Stanley Baldwin und insbesondere Neville Chamberlain. Im ersten Band der Kriegserinnerungen „The Gathering Storm“ von 1948 prägte Churchill das negative Bild von Chamberlain als „Appeasement-Versager“ für Generationen. Die britische Außenpolitik vor seiner Machtübernahme sah Churchill als „traurige Geschichte über falsche Urteile wohlmeinender Menschen“.
Dem Erfolg des Werkes taten diese Einseitigkeiten, die von der geschichtswissenschaftlichen Forschung in den folgenden Jahrzehnten mühsam korrigiert wurden, keinen Abbruch. Churchill erhielt für das Werk 1953 den Literaturnobelpreis. Er war dennoch enttäuscht, weil er sich eigentlich den Friedensnobelpreis erhofft hatte. Als er von den finanziellen Modalitäten erfuhr, war er besänftigt: „12 000 Pfund, steuerfrei. Nicht schlecht!“, schrieb er am 16. Oktober 1953 an seine Frau Clementine.
Zur feierlichen Preisverleihung am 10. Dezember 1953 in Stockholm konnte er selbst nicht kommen und schickte Clementine. Dass sich seine Kriegserinnerungen durch diese Ehrung weltweit bestens verkauften und somit seine notorisch prekären Finanzen sanierten, nahm der Autor ebenfalls dankbar hin.
Suezkrise von 1957: das Ende der britischen Großmachtrolle
Zu diesem Zeitpunkt war Churchill ohnehin längst wieder da, wo er seiner Meinung nach am besten hinpasste: als Premierminister in der Downing Street Nr. 10. Nach über sechs Jahren Opposition hatten die Tories die Parlamentswahlen im Sommer 1951 gewonnen, und Churchill wurde zum zweiten Mal Regierungschef. Auch an der Staatsspitze gab es eine signifikante Veränderung: Am 6. Februar 1952 starb König Georg VI., und seine damals erst 26 Jahre alte Tochter wurde zu seiner Nachfolgerin proklamiert und ein Jahr später als Elisabeth II. zur Königin des Vereinigen Königreichs gekrönt.
Churchill war sehr eingenommen von der jungen Queen, und die Wertschätzung war gegenseitig. Für Churchill brach Elisabeth gleich zweimal mit den royalen Konventionen: Sie besuchte ihn 1954 an seinem 80. Geburtstag zu einem Abendessen in seinem Amtssitz in Downing Street. Und nach Churchills Tod 1965 nahm sie an dem großen Trauergottesdienst in St. Paul’s Cathedral teil.
Churchills zweite Amtszeit war geprägt vom sich zuspitzenden Kalten Krieg einerseits und der weiteren Erosion des britischen Empire andererseits. Für viele war Churchills Wahl das Zeichen für ein imperiales Revival. Doch obwohl sich in den 1950er Jahren eine neue Welle von weißen Siedlern in die afrikanischen Kolonien aufmachte – vor allem nach Kenia und Rhodesien (heute Simbabwe) –, geriet das Empire weiter in die Krise. Die Strategie, die enormen Kriegsschulden durch den Ausbau des Handels mit dem Empire und dem Commonwealth zu tilgen und das Prestige als Weltmacht politisch und ökonomisch wiederherzustellen, ging nicht auf.
Die Kosten für die Aufrechterhaltung von militärischer Stabilität wurden zu hoch, und die zentrifugalen Kräfte nahmen weiter zu. Der Mau-Mau-Aufstand (1952–1960) in der Kolonie Kenia ist hierfür ein besonders blutiges Beispiel. Entstanden aus einer Widerstandsbewegung landloser Bauern gegen die ausbeuterische koloniale Landwirtschaft, wurde daraus ein Befreiungskampf gegen die britische Herrschaft. Premierminister Churchill rief 1952 den Notstand in der Kolonie aus, denn er erkannte die Gefahr für das Empire sehr früh. Für ihn waren die Rebellen nicht einfach nur „Wilde“, sondern „mit Ideen bewaffnete Wilde“. Churchill war zutiefst überzeugt von der zivilisatorischen Sendung des britischen Empire und hielt an seinen rassistischen Vorstellungen von der Überlegenheit der „weißen Rasse“ auch dann noch fest, als die Dekolonisation weltweit in vollem Gange war.
Endgültig beendet wurden alle Hoffnungen auf einen Fortbestand der britischen Weltmachtrolle mit der Suezkrise von 1957. Nachdem der ägyptische Staatschef Oberst Gamal Abdel Nasser den Suezkanal und dessen Einnahmen verstaatlicht hatte, versuchte die britische Regierung in einer Geheimaktion zusammen mit Israel und Frankreich, den Kanal zurückzuerobern. Als die nicht eingeweihten USA Protest gegen die Aktion einlegten und das britische Pfund in den Keller rutschte, musste sich das gedemütigte Großbritannien zurückziehen.
Der ganzen Welt wurde vorgeführt, dass es nur zwei Großmächte gab: die USA und die Sowjetunion. Zum Zeitpunkt der Suezkrise war Churchill nicht mehr Premierminister. Er war 1955 zurückgetreten und hatte das Amt an den bisherigen Außenminister Anthony Eden übergeben.
Nach seinem Rücktritt verschlechterte sich Churchills gesundheitlicher Zustand dramatisch. Bereits 1953 hatte er einen schweren Schlaganfall erlitten, sich aber noch einmal erholt. Jetzt waren die Zeichen des Verfalls nicht mehr zu übersehen. Und dennoch war Churchill immer noch da, er nahm weiterhin an Parlamentssitzungen teil, auch wenn er nicht mehr viel sagte und seine Taubheit ihm schwer zu schaffen machte. Er war jetzt „die Sagengestalt, die unbegreiflicherweise immer noch lebte“, wie Sebastian Haffner es in seiner Churchill-Biographie auf den Punkt brachte. Aber unsterblich war auch dieser große Kämpfer nicht: Am 24. Januar 1965 starb er im Alter von 90 Jahren.
Der Mythos bekommt immer tiefere Kratzer
Churchill ist keine normale historische Figur. Er ist britischer Nationalheld und populäre Ikone. Mit Churchill feiern die Briten die Eigenschaften, die sie sich selbst zuschreiben und für erstrebenswert halten: Stolz, Humor, Standhaftigkeit, Tapferkeit, Stoizismus und Exzentrik. Das Bild des Zylinder tragenden, Zigarre rauchenden Mannes, der mit Zeige- und Mittelfinger das Victory-Zeichen formt, funktioniert aber auch jenseits der britischen Inseln als globale Marke.
Im Kern ist der Churchill-Mythos jedoch zutiefst englisch. Denn in den populären Darstellungen Churchills verschmilzt er oft mit „John Bull“, also mit jener Nationalfigur, die seit dem frühen 18. Jahrhundert die Idee des „free-born Englishman“ personifiziert: als mittelalter, untersetzter, humorvoller, aber willensstarker Landmann mit Frack, Hut und roten Backen.
Dass Churchill adliger Herkunft war und eher Champagner als Ale-Bier getrunken hat, konnte dieser volkstümlichen Darstellung nichts anhaben. Die englische Bulldogge, die in den Cartoons des 19. Jahrhunderts zu John Bulls Füßen saß und den Eindruck von seiner Entschlossenheit und Kampfbereitschaft noch verstärkte, wurde auch zu Churchills Markenzeichen. In einer aktuellen Biographie wird er gar als „Bulldog of Britain“ bezeichnet.
Wie wirkmächtig der Churchill-Mythos auch in unserer Gegenwart noch sein kann, zeigt sich an Boris Johnsons Biographie „The Churchill Factor“ von 2014. Der damalige Londoner Bürgermeister instrumentalisierte den Churchill-Mythos für seine eigene politische Karriere, indem er für den Leser mehr oder weniger unverhohlen historische Parallelen aufzeichnete: Den exzentrischen, humorvollen und willensstarken Einzelgänger, der „Geschichte macht“, brauchte es damals gegen Hitler. Und – so der Subtext – es brauchte ihn 60 Jahre später wieder, denn erneut drohte Gefahr vom Festland, nur diesmal in Form der Europäischen Union.
Dass Boris Johnson tatsächlich „Geschichte machte“, weil er die Brexit-Kampagne erfolgreich anführte und dann als Premierminister den Austritt aus der EU vollzog, ist unstrittig. Dass er aber damit seinem Land einen ähnlichen Dienst wie Winston Churchill erwiesen hat, bezweifelt inzwischen eine Mehrheit der Briten.
Nach dem Brexit-Referendum von 2016 erlebte der Churchill-Mythos in Zweiter-Weltkrieg-Filmen wie „Dünkirchen“, „Die dunkelste Stunde“ oder „Churchill“ nochmals eine popkulturelle Hochkonjunktur. Aber der Mythos bekommt immer tiefere Kratzer. Denn die britische Erinnerungskultur verschiebt sich unter dem Einfluss der Theorien des Postkolonialismus schon länger vom Fokus auf den Zweiten Weltkrieg zu einer kritischen Aufarbeitung des Empire, der Sklaverei und des Kolonialismus. Und dies hat auch mit den sozialen Veränderungen in Großbritannien zu tun. Aus der vorwiegend weißen Klassengesellschaft aus Churchills Zeiten ist eine zunehmend multikulturelle Einwanderungsgesellschaft geworden. Für viele junge Briten ist Churchill nicht vornehmlich der Kriegsheld, sondern ein rassistischer, frauenfeindlicher Verteidiger des britischen Klassensystems.
So wie das Erbe des Britischen Empire ist auch Churchill inzwischen extrem umstritten. Für die einen repräsentiert das Empire Churchills nationale Glorie, Humanität und Zivilisierungsleistung; für die anderen Ausbeutung, Unterdrückung und Rassismus. Es bleibt spannend zu beobachten, wer sich durchsetzt.
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