Dabei bieten gerade die jüdischen Quellen zahlreiche Einsichten und Beobachtungen, die man in der christ‧lichen Reiseliteratur kaum finden wird. Das Beispiel der Palästina-Reisenden führt dies besonders deutlich vor Augen, denn das Heilige Land war für Christen wie Juden eines der wichtigsten Wallfahrts- und Pilgerziele. Einmal dort angekommen, gab es eine Reihe von heiligen Stätten, die sowohl von Christen als auch von Juden aufgesucht wurden – allerdings in der Regel mit vollkommen unterschiedlichen Interessen und Intentionen.
In der Wüste Sinai beispielsweise interessierten sich jüdische Reisende in der Regel für Spuren des biblischen Exodus, wohingegen das Interesse christlicher Pilger meist nur dem Katharinenkloster und seiner Umgebung galt. In Jerusalem wiederum verehrten Juden das Grab des Königs David an derselben Stelle, an der sich nach christlicher Überlieferung der Abendmahlssaal erhebt – Konflikte waren vorprogrammiert und führten zeitweise sogar zur Einmischung von Päpsten und weltlichen Herrschern.
Es lohnt sich also zweifellos, nicht nur zu untersuchen, was ein damaliger Reisender im Verlauf der Reise sah, sondern wie er es sah. Auf diese Weise kann eine Annäherung an das gelingen, was der Historiker Arnold Esch die spezifische „Optik“ der damaligen Reisenden nennt, das heißt deren „individuelle und kollektive Vorstellungs- und Erfahrungswelt“. Es gilt allerdings auch, Gemeinsamkeiten in der Optik jüdischer und christlicher Reisender aus Europa herauszuarbeiten – zweier Gruppen, die trotz Differenzen und Konflikten oftmals nicht nur einen ähnlichen kulturellen Hintergrund teilten, sondern auf Reisen auch denselben Gefahren ausgesetzt waren.
Ein hebräischer Reisebericht, der sich für solch eine Untersuchung besonders gut eignet, stammt aus dem Jahr 1481. Der Autor namens Meshullam da Volterra war ein in der Toskana beheimateter Bankier und Edelsteinhändler. Seine genauen Lebensdaten sind unbekannt, aber wir wissen, dass er hohes Ansehen bei den Medici in Florenz genoss. Was aber konnte einen so angesehenen und wohlhabenden Mann dazu veranlassen, Familie und Geschäfte in der Toskana für mehrere Monate zu verlassen und eine gefahrvolle Reise ins Heilige Land anzutreten?
Diese Frage lässt sich nicht mit letzter Gewissheit klären. Meshullam selbst erwähnt in seinem Bericht, es sei ein Gelübde gewesen, das ihn zu seiner Fahrt ins Heilige Land bewegte. Offenkundig spielten auch geschäftliche Interessen eine gewisse Rolle (jedenfalls erfahren wir in seinem Bericht mehr über den Erwerb von Edelsteinen im Orient als über den Hintergrund des Gelübdes).




