Für die Phase der Minderjährigkeit seines Nachfolgers Eduard sollte ein Regentschaftsrat die Regierungsgeschäfte führen, hatte Heinrich VIII. noch bestimmt. Doch der Onkel des jungen Königs, Edward Seymour, Herzog von Somerset, riss die Macht in diesem Rat an sich.
Zu Lebzeiten von Heinrich VIII. waren die Kämpfe der Fraktionen am Hof bereits allgegenwärtig gewesen, aber nun, da ein Kind auf dem Thron saß, eskalierten sie. Bereits 1549 wurde Edward Seymour von John Dudley gestürzt. Der bisherige Graf von Warwick ernannte sich selbst umgehend zum Herzog von Northumberland.
Die Reformation wird mit hohem Tempo vorangetrieben
Eduard mag noch ein Kind gewesen sein, doch laut dem neuen Botschafter des Kaisers, François van der Delft, hatte er sich bereits voll und ganz der Sache der Reformation verschrieben: „Am Hof gibt es keinen Bischof und keinen Gelehrten, der so bereit wäre, für die neue Lehre zu argumentieren, wie der König.“ Im Regenten John Dudley, der sich nicht zuletzt an dem verbliebenen Kircheneigentum bereichern wollte, und im Erzbischof Thomas Cranmer fand Eduard eifrige Mitstreiter. So erschien 1549 das erste „Book of Common Prayer“, mit dem die liturgischen Grundlagen der anglikanischen Kirche festgelegt wurden. Die enorme religionspolitische Dynamik wird angesichts der Kürze von Eduards Regierungszeit oft unterschätzt.
Die Historiker sind sich nicht einig, ob Eduard VI. schon immer kränkelte oder ob er eigentlich ein robuster Junge war, der schlicht das Pech hatte, sich mit Tuberkulose zu infizieren. Jedenfalls war das Schicksal des 15-Jährigen besiegelt, als die Krankheit im Januar 1553 offen ausbrach. Nach einer qualvollen Leidenszeit starb der König am 6. Juli 1553.
Die letzten Lebenswochen Eduards hatte der Herzog von Northumberland genutzt, um einen verwegenen Plan umzusetzen. Er klammerte sich an seine Macht und wollte eine Thronfolge von Maria oder ihrer Halbschwester Elisabeth verhindern. Deshalb verheiratete Dudley seinen Sohn Guildford am 21. Mai 1553 mit Lady Jane Grey, einer Hofdame, die als Urenkelin von Heinrich VII. aus Sicht des Herzogs einen hinreichenden Anspruch auf die Thronfolge hatte.
Dudley brachte den schwerkranken Eduard dazu, eine Erklärung zu unterzeichnen, die Jane Grey zu seiner Erbin machte. Da sich Eduard um die Reformation sorgte, hatte er selbst ein Interesse daran, seiner katholischen Schwester Maria den Weg zum Thron zu verbauen.
Und so kam es: Vier Tage nach dem Tod Eduards VI. wurde Jane am 10. Juli zur Königin erklärt. Allerdings brach der Rückhalt für die 15-Jährige innerhalb weniger Tage zusammen. Ihr eigener Vater, der Herzog von Suffolk, überredete sie zur Abdankung und setzte sich nun für die Thronfolge Marias ein – wie es laut dem „Third Succession Act“ von 1544 offiziell vorgesehen war. Das Zwischenspiel hatte neun Tage gedauert. Jane Grey ging nicht als Königin, sondern lediglich als Thronprätendentin in die Geschichte ein.





