Das Konzil ist aber schon wegen des Zeitpunkts interessant: Es fand mitten in der Konstantinischen Wende statt – 13 Jahre nach Konstantins Hinwendung zum Christentum und zwölf Jahre vor seinem Tod. Dazu muss man sich klarmachen, dass diese Wende keine harte 180-Grad-Kehrt war, sondern vielmehr ein von realpolitischen Erwägungen begleitetes, oft tastendes Zusammenführen des trotz Verfolgungen gewachsenen Christentums mit hergebrachten Formen der Herrschaftsausübung und -repräsentation im Imperium Romanum. Das zeigt sich etwa, wie Hartmut Leppin in seinem Beitrag darlegt, am Auftreten Konstantins in Nikaia, wo er den Bischöfen mit Demuts- und Bescheidenheitsgesten entgegentrat, wie sie bis dato zwischen Kaiser und Senat üblich waren.
Damit sieht man aber auch schon die Bedeutung Nikaias jenseits der vordergründig relevanten – und letztlich nicht final geklärten – Streitfrage: Erstmals war ein römischer Kaiser bei einer kirchlichen Versammlung anwesend – eine Messlatte für alle Nachfolger. Ja, Konstantin hatte wohl zu der Versammlung geladen! Die Spaltung der gerade zur führenden (nicht Staats!)Religion aufgestiegenen Kirche musste den Kaiser beunruhigen.
Der Pontifex maximus – Konstantin führte das pagane Priesteramt unverdrossen weiter – hatte sich stets um den Frieden mit den Göttern gesorgt; nun sorgte er sich um das Verhältnis zu Gott. Wo früher Christen verfolgt worden waren, weil sie an den Staatskulten nicht teilnahmen, sollte nun christliches Abweichlertum vermieden werden.
Dieses traditionelle Rollenverständnis im nun christlichen Gewand war ein nizänisches Novum – doch nicht das einzige, wie Volker Drecoll zeigt. Zugleich, so betont er, müsse man genau hinsehen, wo die (kirchen)historische Bedeutung jeweils liege. Das erarbeitete Glaubensbekenntnis sei in dieser Hinsicht eher unspektakulär. Die Festlegung eines einheitlichen Ostertermins – mit Auswirkungen bis heute – hingegen zählt zu den spannenderen Aspekten, zumal sie die Loslösung vom jüdischen Pessach-Termin bedeutete. Das wiederum hinterließ Spuren im jüdischen Schrifttum, und zwar, Matthias Morgensterns Beitrag zufolge, deutlich früher als bislang angenommen.
Nicht nur die historische, sondern auch die theologische Dimension von Nikaia, ja sogar den Niederschlag in der Kirchenmusik behandelt der Band. Trotz des weitgehend bewahrten Vortragsstils liest sich ein solcher Tagungsband für Laien sicher etwas sperrig. Andererseits kosten solche Bände sonst oft das Doppelte oder Dreifache, sodass sich hier vielleicht doch ein breiteres Publikum zur Lektüre animiert fühlt.
Rezension: Dr. Philipp Deeg
Uta Heil/Jan-Heiner Tück (Hrsg.)
Nizäa – Das erste Konzil
Historische, theologische und ökumenische Perspektiven
Verlag Herder, Freiburg i. Br. 2025, 480 Seiten, € 38,–





