Im Jahr 1891 übernahm August Oetker eine Apotheke in Bielefeld und experimentierte dort alsbald im Laboratorium, um seine Ideen umzusetzen. Zu den ersten Produkten, die Oetker entwickelte, gehörten eine Fußcreme und ein Gesundheitskakao; doch bald wandte er sich dem Backpulver zu, das ihm aus der Backstube seines Vaters bereits vertraut war. Dies war bereits 50 Jahre zuvor erfunden worden, und zwar von dem US-Amerikaner Eben Norton Horsford, der bei Justus von Liebig in Gießen studiert hatte. „Neu war bei August Oetker die Anwendung, denn er portionierte das Backpulver in kleinen Tüten, die immer für jeweils ein Pfund Mehl verwendet werden konnten. Das war eine Arbeitserleichterung für die Hausfrauen und damit eine echte Marktlücke“, hebt Dr. Kai Budde hervor, der als Oberkonservator am TECHNOSEUM arbeitet und die Sonderausstellung zur industriellen Lebensmittelherstellung kuratiert hat.
Der Absatz der bis heute gebräuchlichen Tütchen war innerhalb weniger Jahre bereits so groß, dass Oetker weitere Produkte auf den Markt brachte, darunter „Vanillin-Zucker“, die Speisestärke „Gustin“ sowie Puddingpulver und Aromen. Und auch in puncto Vermarktung bewies der Ostwestfale Oetker ein Gespür fürs gekonnte Marketing: Alle Produkte wurden unter der Marke „Dr. Oetker“ vertrieben, Oetker setzte seinen Doktortitel konsequent ein, um Qualität und Renommee zu garantieren. Nicht nur Plakate und Werbeaufsteller in den Läden sorgten dafür, dass keine Hausfrau an den Oetker-Produkten vorbeikam.
Auch die neusten Haushaltswaren zum Backen wie etwa Messbecher und Waagen wurden von Oetker direkt angeboten, außerdem gab es Kochbücher und Rezepthefte. Letztere wurden über die Lebensmittelläden kostenlos an die Kundinnen verteilt. In den Kochbüchern indes fanden sich auch Tipps etwa zur Aufstellung eines Haushaltsplans oder zur richtigen Reinigung von Kochgeschirr und der Wäsche. Zusammen mit dem Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin gab Oetker zudem Merkblätter zur Gesundheit und Hygiene heraus. Ganze Generationen wurden so mit einer Art Rundum-Sorglos-Paket geschickt an die Marke Oetker gebunden. Und heute? Gehören über 400 Firmen aus den verschiedensten Branchen zur Oetker-Gruppe – Getränke, Schifffahrt und Hotelwesen sind nur einige der Sparten, aus denen sich der Konzern zusammensetzt. Das Backpulver ist nach wie vor Aushängeschild im Nahrungsmittelbereich. Das umsatzstärkste Produkt im Sortiment hingegen ist mittlerweile ein anderer Artikel, der ebenso beispielhaft für die Ernährungsindustrie steht: die Tiefkühlpizza.
Oetker, Maggi, Knorr und Nestlé – viele Konzerne, die man heute vor allem als Marken kennt, verdanken ihre Namen Personen, die im 19. Jahrhundert den Grundstein für die Industrialisierung der Ernährung legten. In der Ausstellung des TECHNOSEUM kann man sich über diese „Gründerväter“ der Nahrungsmittelindustrie informieren – und sich auch über die Macht der großen Unternehmen heutiger Zeit und ihre Einkaufspolitik informieren. Immer freitags um 14.00 Uhr lädt das TECHNOSEUM zudem zu einer öffentlichen Führung durch die Schau und damit durch 200 Jahre Lebensmittelherstellung. Sie ist im regulären Eintrittspreis enthalten, eine Anmeldung ist nicht notwendig.





