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Ein rätselhafter Meisterdichter
In der Literatur des antiken Griechenland nahmen „Ilias“ und „Odyssee“ einen zentralen Stellenwert ein. Die Autorenschaft der Epen warf allerdings bereits damals Fragen auf, über die bis heute diskutiert wird.
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Für die Freier sang der weithin berühmte Sänger, die aber saßen schweigend da und hörten zu. Er aber besang die traurige Heimkehr der Griechen von Troja, die ihnen Pallas Athena auferlegt hatte.“ Es sind nur drei Verse im 1. Buch der „Odyssee“, aber sie gewähren uns einen ersten Blick in die Sängerkultur im 7. Jahrhundert v. Chr.
Die beim Gelage, dem Symposion, versammelten Männer lauschen dem Vortrag eines hoch angesehenen Sängers (Aöden), der entweder aus eigenem Antrieb ein Thema wählt oder wie später im 8. Buch auf Zuruf improvisiert. Das Ansehen der Aöden findet seinen Ausdruck schon in ihren sprechenden Namen: Im 1. Buch ist es Phemios, der „etwas zu sagen hat“; im 8. Buch tritt Demodokos auf, „der beim Volk Angesehene“.
Doch diese Sängerszenen, die die Aufführungspraxis der Zeit widerspiegeln, finden sich in einem niedergeschriebenen Text. Sie wurden von einem Autor in ein umfangreiches Werk eingebaut, in dem sie eine ganz bestimmte Funktion ausüben. Der flüchtige, entsprechend dem Anlass improvisierte mündliche Vortrag und die schriftliche Fixierung umfangreicher Texte standen im
7. Jahrhundert v. Chr. gleichzeitig nebeneinander.
Dass als Inhalt von Phemios’ Gesang die „traurige Heimfahrt“ der Griechen angegeben wird, ist einerseits ein Selbstverweis des Dichters auf sein Werk, das die Heimfahrt des Odysseus zum Inhalt hat, andererseits zeigt es, dass es zahlreiche andere solcher Heimkehrgeschichten gab. All diese verlorenen Werke, von denen wir häufig nur die Titel oder wenige Fragmente kennen und die sich teilweise um die in „Ilias“ und „Odyssee“ erzählten Ereignisse rankten – in der Antike wurden sie als „Epischer Zyklus“ zusammengefasst –, hinterließen in den beiden einzigen erhaltenen Epen ihre Spuren.
Die verschollenen Werke werden sozusagen zitiert: In der „Odyssee“ sind es im 1. Buch die Heimkehrgeschichten der griechischen Helden; im 8. Buch ein in der „Ilias“ nicht erwähnter Streit zwischen Achill und Odysseus, Odysseus’ List des hölzernen Pferdes sowie der Ehebruch von Aphrodite und Ares mit dem Rache nehmenden gehörnten Ehemann Hephaistos. Vor allem zählen die vielen abenteuerlichen Geschichten dazu, die Odysseus am Phäakenhofe (sogenannte Apologe, Bücher 10–12) und nach seiner Rückkehr nach Ithaka vorträgt.
Archäologische Funde belegen die reiche Erzähltradition des 8. und 7. Jahrhunderts v. Chr. Dabei sticht ein Becher heraus, der auf Ischia gefunden wurde und zwischen 735 und 720 v. Chr. entstanden ist. Auf ihm wurden im Versmaß des Epos, dem daktylischen Hexameter, nach dem Brennvorgang mehrere Verse eingeritzt. Lesbar ist: „Wer aus diesem Becher trinkt, den wird sofort Verlangen nach der schönbekränzten Aphrodite erfassen“. Und im
1. Vers ist – mit Ergänzung – zu lesen: „Ich war Nestors Becher, aus dem gut zu trinken war“. Der Becher wurde, da im 11. Buch der „Ilias“ tatsächlich Nestors kunstvoll verzierter Becher beschrieben wird, für eine Datierung der Epen in die Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. angeführt.
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Da aber in der Forschung diese Frühdatierung durch Anspielungen auf historische Ereignisse des 7. Jahrhunderts v. Chr. wie die Einführung des Viergespannrennens bei den Olympischen Spielen (680 v. Chr.) erschüttert, wenn nicht gar widerlegt wurde, kann man den Becher mit der Ritzung eher als Beleg dafür nehmen, dass man im 8. Jahrhundert v. Chr. Geschichten erzählte, die später in die Epen „Ilias“ und „Odyssee“ aufgenommen wurden.
Die mündliche Tradierung spiegelt sich im verschriftlichten Werk wider
Doch in den beiden Epen finden sich nicht nur Hinweise auf andere verlorene Erzählungen, sondern Form, Sprache und inhaltliche Archaismen zeugen von der mündlichen Tradition, an deren Ende „Ilias“ und „Odyssee“ stehen. Die Kunstsprache, in der sie verfasst sind, enthält zahlreiche altertümliche Elemente, die im 7. Jahrhundert v. Chr. nicht mehr vorhanden waren, wie den w-Laut (Digamma), der durch die metrische Analyse erschlossen werden kann – etwa (w)oínos, lateinisch vinum (Wein).
Auch manche Gegenstände des Alltagslebens, die sich in der „Ilias“ finden, wie die hohen Schilde (2. Buch), der Eberzahnhelm (10. Buch) oder Schreibtäfelchen (6. Buch), waren im 7. Jahrhundert v. Chr. nicht mehr in Gebrauch. Der Autor wollte vermutlich durch dieses aus mündlicher Tradition erhaltene Wissen, das nicht mehr seiner Gegenwart entsprang, den Texten Altertümlichkeit einhauchen. Vor allem sind jedoch schmückende Beiworte, Formelverse oder stereotype Szenen Relikte der mündlichen Tradition. Bekannt sind der „fußschnelle Achilleus“, die „rosenfingrige Morgenröte“ oder der „gewandte Odysseus“, der je nach Kontext auch der „große Dulder“, der „Erfindungsreiche“ oder der „Städtezerstörer“ genannt werden konnte.
Typische Szenen wie das Anlegen der Rüstung des Kriegers vor dem Kampf oder das gesellige Zusammensein der Helden beim Mahl, das mit dem Vers „als das Verlangen nach Trank und Speise gestillt war“ abgeschlossen wird, gewähren dem Sänger einen kurzen Ruhepunkt in seinem improvisierten Vortrag.
Diese Praxis der Rezitation auch umfangreicher Texte wurde im 20. Jahrhundert von Milman Parry (1902–1935) und seinem Schüler Albert Lord (1912–1991) in den Jahren 1934/35 in Feldforschungen in Serbien nachgewiesen. Die dort tätigen Sänger schufen sich während ihres improvisierten Vortrags diese Ruhepunkte durch dieselben Techniken, wie wir sie aus den homerischen Epen kennen, etwa mithilfe einzelner wiederholter Verse oder ganzer typischer Szenen als Versatzstücke.
Über den Autor ist nur wenig sicher belegt
Als Autor der im 7. Jahrhundert v. Chr. verschriftlichten Epen „Ilias“ und „Odyssee“ gilt „Homer“. Wer genau sich dahinter verbirgt, darüber wird seit über 2000 Jahren kontrovers diskutiert. Zwar sind aus der Antike und byzantinischer Zeit neun Biographien Homers erhalten. Allerdings kann man diesen Werken keinen historischen Wert bescheinigen. Sie sind wie auch die Lebensbeschreibungen anderer bekannter Dichter eher anekdotisch und fiktiv wie zum Beispiel auch der „Wettkampf von Homer und Hesiod“.
Um die Ehre, Geburtsort Homers zu sein, konkurrieren mehrere Städte. Mehr Klarheit herrscht darüber, dass der Dichter auf der vor der kleinasiatischen Küste gelegenen Insel Chios wirkte und auf Ios starb. Die Nähe zu Kleinasien erklärt, zumal Smyrna (heute Izmir) unter den rivalisierenden Geburtsstädten Homers einen Vorteil zu haben scheint, die Berührungen der homerischen Epen mit vorderorientalischen Mythen und Werken, wie sie zwischen dem „Gilgamesch-Epos“ und der „Odyssee“ nachgewiesen wurden.
Wie häufig in der griechischen Literatur wurde versucht, aus der etymologischen Erklärung des Namens Klarheit über die Person zu erlangen. So soll er einmal Geisel oder Bürge gewesen sein – dies bedeutet hómeros –, oder er soll nach seiner Erblindung den Namen Homer erhalten haben, da in manchen Gegenden Griechenlands Blinde hómeroi hießen. Offensichtlich ist die ihm zugeschriebene Blindheit durch den hoch angesehenen blinden Sänger Demodokos im 8. Buch der „Odyssee“ inspiriert.
Diese Informationen gehen wohl auf die seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. auf Chios tätigen Homeriden zurück, eine Sängergilde, in deren Besitz sich die homerischen Epen befanden, mit denen sie im griechischen Raum auf Tournee gingen. In einem vergleichbaren Kreis könnte zu seiner Zeit „Homer“ tätig gewesen sein, der aus vielen mündlich tradierten, sich um einzelne Helden rankenden kleinen Geschichten, wie wir sie in den Demodokos-Liedern hören, die „Ilias“ und „Odyssee“ schuf.
Er unterwarf diese Geschichten einer einheitlichen durch Vor- und Rückverweise bestimmten Struktur und beschränkte die eigentliche Handlung auf wenige Tage. Vorhergehendes, aber auch Zukünftiges wird zumeist durch Erzählungen der handelnden Personen eingeblendet. Zudem stellte er die Epen jeweils unter ein Leitmotiv: den Groll des Achill und die schwierige Heimkehr des Odysseus – mit all den jeweils damit verbundenen Konsequenzen für die Gesellschaft.
Ob allerdings ein Autor beide Epen verfasste, ist zwischen Unitariern, die für ein und denselben Dichter eintreten, und Chorizonten (den „Trennern“), die die Epen zwei Dichtern zuweisen, bis heute umstritten. Die Mehrheit neigt dazu, zwei Autoren anzunehmen.
Die „Odyssee“ weist nach dieser Auffassung beträchtliche Unterschiede in der Erzähltechnik, dem Menschen- und Götterbild und in der Rechtsauffassung auf, sodass sie nicht von demselben Dichter verfasst sein könne – es sei denn, man bezeichnet die „Ilias“ als Jugend- und die „Odyssee“ als Alterswerk desselben Dichters, wie das der anonyme Autor aus augusteischer Zeit, bekannt als Pseudo-Longin, in seiner Schrift „Über das Erhabene“ tut: Im Alter sei Homer von seiner Fabulierlust überwältigt worden, und so sei die „Odyssee“ durch weitschweifige Erzählungen bestimmt.
Dass von der umfangreichen, auch schriftlich fixierten Epenproduktion der archaischen Zeit nur „Ilias“ und „Odyssee“ erhalten sind, hat unterschiedliche Gründe. Naheliegend ist, dass die Sängergilde der Homeriden offensichtlich schon früh für eine überregionale Bekanntheit im gesamten griechischen Kulturraum der Werke Homers sorgte.
Anspielungen oder sogar Zitate finden sich bei Archilochos von Paros (um 680–630 v. Chr.) und bei dem in derselben Zeit in Sparta wirkenden Chorlyriker Alkman sowie bei Alkaios von Lesbos (Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr.) und Stesichoros von Himera auf Sizilien (um 630–555 v. Chr.).
Um 600 v. Chr. war die Rezitation homerischer Epen Bestandteil eines Götterfestes im peloponnesischen Sikyon und Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. bei den Panathenäen in Athen. Der Tyrann Hipparchos soll veranlasst haben, dass bei diesem Fest „Ilias“ (15 693 Verse) und „Odyssee“ (12 109 Verse) in voller Länge rezitiert wurden, sicherlich unterteilt in einzelne Vortragseinheiten, aus denen sich im 4. Jahrhundert v. Chr. die je 24 Bücher, benannt nach den griechischen Buchstaben von Alpha bis Omega, entwickelten.
Meisterhaftigkeit der Werke ist den Zeitgenossen bewusst
Doch diese frühe Kanonisierung wäre kaum möglich gewesen, wenn sich die Zeitgenossen nicht der hohen Qualität der beiden Werke bewusst gewesen wären. Dazu zählen neben der Erzähltechnik, die durch die vielen Rückblenden die aktuelle Erzählung auf Vergangenes öffnet, vor allem die vielen direkten Reden, die beiden Werken einen geradezu dramatischen Charakter verleihen. Nicht ohne Grund sieht deshalb Aristoteles (384–322 v. Chr.) in seiner „Poetik“ Homer als einen Vorläufer des Dramas.
Entscheidend für ihre Popularität war sicher auch, dass in den in einer zeitlosen Vergangenheit verorteten Werken Probleme im Spiegel des Mythos durchgespielt werden, die für die Griechen im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr., in den Zeiten der griechischen Kolonisation im gesamten Mittelmeerraum, von überlebenswichtiger Bedeutung waren. Dazu zählen die Abhängigkeit der einfachen Soldaten von ihren Anführern und die negativen Auswirkungen, die Stimmungen dieser führenden Männer wie Groll, Ehre oder Neugier für das Kollektiv haben können.
In beiden Epen wird der oft unheimliche Einfluss der Götter auf menschliches Handeln und auf menschliche Entscheidungen vorgeführt. Diese theologische Dimension, die besonders in den zahlreichen Götterversammlungen zum Ausdruck kommt, in denen auf dem Olymp oft kontrovers besprochen wird, wie mit den Menschen zu verfahren sei, fasst der Historiker Herodot (um 490/ 480–430/420 v. Chr.) in dem Satz zusammen: Homer (und Hesiod) hätten den Griechen ihre Götter gegeben.
So ist es nicht erstaunlich, dass nicht nur die homerischen Mythen, die Sagen vom Trojanischen Krieg und seinen Folgen, und die Helden Homers, sondern auch die in den Epen verhandelten Probleme in der attischen Tragödie des 5. Jahrhunderts v. Chr. eine zentrale Rolle einnehmen. Man denke an die „Orestie“ des Aischylos, in der das Schicksal Agamemnons, des Siegers von Troja, und seiner Familie im Zentrum steht, an die „Troerinnen“ und die „Hekabe“ des Euripides, in denen am Beispiel der versklavten trojanischen Frauen die Grausamkeit des Krieges vorgeführt wird. Auch den „Philoktet“ des Sophokles kann man hier nennen, in dem die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft, auch wenn diese ihm vor Jahren Übles antat, eine Rolle spielt.
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