Die europäische Expansion am Ende des 19. Jahrhunderts und die Inbesitznahme fast des gesamten afrikanischen Kontinents und weiter Teile Asiens führten auch zu neuen Formen der Regierung und Herrschaft. Die Europäer brachten ihre Vorstellung von Staatlichkeit mit und stülpten sie den einheimischen Gesellschaften über. Das europäische Staatsmodell fand auf diese Weise weltweit Verbreitung. Zugleich wies der koloniale Staat Besonderheiten auf und war mit seinem Pendant in Europa keineswegs identisch. In den Kolonien war die Öffentlichkeit massiv eingeschränkt, zivilgesellschaftliche Einrichtungen wurden nur in Ansätzen zugelassen, und die Partizipation der Bevölkerung (etwa in Form demokratischer Mitbestimmung) war nicht vorgesehen.
Bevor wir uns die entstehenden kolonialen Gesellschaften genauer ansehen, ist es hilfreich, sich klarzumachen, wie unterschiedlich koloniale Herrschaft aussehen konnte, wie vielfältig koloniale Staatlichkeit war. Zum einen hing sie von der kolonisierenden Macht ab. Die britische Strategie der indirekten Herrschaft wurde von Frederick Lugard, einem Offizier und Kolonialbeamten in Nigeria, entwickelt. Sie setzte auf nur minimale Präsenz von Europäern und überließ die Machtausübung vor Ort loyalen einheimischen Würdenträgern.





