Seit der Vertreibung aus Jerusalem im Jahr 70 lebten Juden, die Angehörigen der ältesten monotheistischen Religion, in Gesellschaften, deren Mehrheit an viele Götter glaubte oder einer der beiden jüngeren monotheistischen Religionen angehörte: dem Christentum oder dem Islam. Die Tatsache, daß das Christentum im Römischen Reich seit dem 4. Jahrhundert dominant war, bewirkte einen tiefgreifenden und mindestens bis zum Ende des „Heiligen Römischen Reiches“ (um 1800) prägenden Wandel: Die Juden waren seitdem mit einer monotheistischen Mehrheitsreligion konfrontiert. Diese stützte ihren universalen Anspruch, der sich gegen das „Heiden-“, vor allem aber gegen das Judentum richtete, auf ihre enge Verbindung mit der christlichen Reichsherrschaft. Das Christentum errichtete unter zunehmender Beteiligung von Angehörigen der Führungsgruppen eine eigene, auf die großen Städte zentrierte Amtsorganisation, deren Institutionen in vielen Bereichen, nicht zuletzt in der Armenfürsorge, effizient waren.
Anders als im Osten des Reiches steigerte sich die Bedeutung der Kirchen im lateinischen Westen durch den Zerfall der weströmischen Reichsherrschaft. Deren Funktionen übernahmen in wesentlichen Bereichen die Bischöfe, wenn auch mit erheblichen regionalen Unterschieden. Auf diesen Vorgängen beruhte im Westen die Polarität von geistlicher und weltlicher Sphäre – zwei Bereichen, die aber zugleich wesenhaft zusammengehörten.
Ihr spannungsvolles Mit- und Gegeneinander war zeitlich und regional sehr unterschiedlich gewichtet und führte häufig zu offenen Konflikten bis hin zu kriegerischen Auseinan?dersetzungen. Auf höchster Ebene äußerte es sich in den komplexen Beziehungen zwischen römischem Kaisertum und römischem Papsttum. Mit der Bildung geistlicher Herrschaften, aber auch mit deren Forderung nach Mitbestimmung bei der Herrschaftsausübung, trug es dazu bei, die königliche und fürstliche Macht in den meisten westlichen Reichen zu begrenzen. Insgesamt wirkte es den Tendenzen von Weltlichen wie von Geistlichen entgegen, die unbeschränkte Ausübung von Gewalt unter Berufung auf die Statthalterschaft Gottes zu rechtfertigen.
Das geistlich-weltliche Mit- und Gegeneinander durchdrang die christlichen Gesellschaften des Westens in unterschiedlicher zeitlicher und regionaler Intensität und führte so zu einer Vielfalt, welche die Geschichte des Okzidents langfristig prägte. Es war zudem einer der entscheidenden Faktoren für die Beziehungen zwischen Christen und Juden. Dies fand seinen Ausdruck in der Tatsache, daß sich die frühesten und größten Judengemeinden im Westen in Kathedralstädten befanden. Die Zentren der Christenheit waren also zugleich die wichtigsten Mittelpunkte des Judentums. Hier besaßen die Bischöfe eine hohe Autorität und übten oft Herrschaftsrechte auch über die Juden aus, neben oder mit den Königen bzw. Kaisern oder Fürsten.





