Innerhalb des Byzantinischen Reichs sorgten allein schon die sich ständig verschiebenden Außengrenzen für Migration. Natürlich erforderte auch der normale Alltag Bereitschaft zur Mobilität. Die byzantinischen Kaiser versuchten, die Wanderungen der Menschen zu kontrollieren.
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Handelsrouten verbanden die Städte des Byzantinischen Reichs mit entfernten Märkten und erleichterten so den Austausch von Waren, Technologien und Kulturen. Konstantinopel war als wirtschaftliches Zentrum Dreh- und Angelpunkt für Kaufleute aus dem gesamten Mittelmeerraum, dem Nahen Osten und sogar aus China. Neben Gewürzen, Seide und Edelmetallen wurden auch Menschen über diese Handelsnetzwerke bewegt – sei es in Form von Fachkräften, Söldnern oder Sklaven.
Neben der Hauptstadt Konstantinopel war auch Thessaloniki ein wichtiges Handelszentrum. Der jährliche Markt am Jahrestag des Schutzheiligen Demetrios, der im 6. Jahrhundert die Stadt vor Angriffen der Awaren und Slawen beschützt hatte und weiterhin Wunder bewirkt haben soll, zog im 12. Jahrhundert Händler, Pilger und andere Besucher in die Stadt. Sie kamen aus Spanien, Italien, dem Donauraum, den Gebieten nördlich der Alpen sowie aus Syrien und Ägypten.
Neben den Kaufleuten und Handwerkern spielten auch Söldner eine wichtige Rolle in den Migrationsbewegungen innerhalb des Reichs. Die byzantinische Armee war über Jahrhunderte hinweg auf ausländische Krieger angewiesen, die aus unterschiedlichen Regionen stammten. Besonders die Warägergarde, eine Elitetruppe bestehend aus Skandinaviern, genoss im 10. Jahrhundert großes Ansehen.
Armenier und Georgier in Diensten des Kaisers
Hochrangige Armenier und Georgier traten, häufig mit ihren Gefolgsleuten, immer wieder in die Dienste des Kaisers und siedelten sich in der Folge im Reichsgebiet an. So findet sich ein seltenes autobiographisches Schriftdokument eines erfolgreichen Migranten aus Georgien in der Einleitung zur Gründungsurkunde des Klosters der Gottesmutter in Batschkowo (Bulgarien) aus dem Jahr 1083. Der Stifter Georgios Pakourianos, aus dem georgischen Haus der Bagratuni, war mit einer Truppe von Gefolgsleuten nach Konstantinopel gekommen und hatte im Dienst des Kaisers viele Schlachten geführt. Der reiche Lohn ermöglichte ihm am Ende seiner Dienstzeit die Gründung des Klosters, das ihm auch als Altersruhesitz dienen sollte. Allerdings durften dort nur Georgier und Armenier Aufnahme finden, Griechen war dies untersagt. Offenbar hatte Georgios in seinem Leben zu viele schlechte Erfahrungen mit deren Unzuverlässigkeit gemacht.
Ein weniger beachteter, aber dennoch wichtiger Bereich der Mobilität war die Ausübung der christlichen Religion. Die Kultstätten, an denen angeblich Heilige Wunder verrichteten, wurden von Frauen und Männern aller Gesellschaftsschichten frequentiert. So pilgerten die Menschen zur heiligen Thekla nach Seleukia (im heutigen Ayathekla, Türkei) oder zum heiligen Symeon Stylites d. Ä., dem Säulenheiligen, in der Nähe von Antiochia am Orontes (Antakya, ebenfalls in der heutigen Türkei).
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Der Eintritt ins Kloster war für manche Frauen und Männer mit dem Verlassen der Heimatregion verbunden. Einige Klöster wurden zu Anziehungspunkten weit über das griechischsprachige Byzanz hinaus. So zählten zur Klosterrepublik des Berges Athos Klöster für Bulgaren (Zographou), Russen (Panteleimonos), Serben (Chilandar) und Georgier (Iviron). Am südlichen Ende des byzantinischen Einflussbereichs, im Katharinenkloster am Sinai, finden sich in der Bibliothek noch heute neben griechischen Texten unter anderem solche auf Arabisch, Syrisch, Georgisch, Armenisch und Latein.
Zuweilen wurden Andersgläubige in einer spezifischen Region zur Migration gezwungen. Dies betraf nicht nur Juden, sondern auch die Athinganoi (sie wurden später mit Zigeunern identifiziert), die im frühen 9. Jahrhundert von Phrygien und Lykaonien in die Balkanprovinzen auswandern mussten, und die Paulikianer, die um 970 von der Ostgrenze nach Thrakien umgesiedelt wurden, wo ihre religiösen Lehren möglicherweise die Bogomilen und später die Katharer beeinflussten.
Prinzessinnen auf Reisen im Dienst der byzantinischen Heiratspolitik
Die byzantinischen Kaiser nutzten gezielt die Heiratspolitik als erprobtes Mittel der Diplomatie. Unter den jungen Frauen aus dem Kaiserhaus, die insbesondere in drohenden Krisenzeiten an auswärtige Herrscher verheiratet wurden, ist vielleicht Theophanu die bekannteste (siehe Artikel “Byzanz und die Franken“). Ihre glanzvolle Heiratsurkunde, welche einen kostbaren byzantinischen Seidenstoff imitiert und die Morgengabe an Gebietsabtretungen an Byzanz in der Adria festlegte, ist heute noch erhalten.
Die Absicht dieser Vermählungen lässt sich an dem Beinamen Eirene („Frieden“) – eingedeutscht Irene – ablesen, der manchen ausländischen Frauen, die in die Kaiserfamilie einheirateten, verliehen wurde. So wurde Piroska, die Tochter des ungarischen Königs Ladislaus, die 1104 den späteren byzantinischen Kaiser Johannes II. Komnenos ehelichte, als Kaiserin Irene bekannt.
Ausländische Händler stehen unter strenger Kontrolle
Gut informiert sind wir über die strikte Kontrolle von auswärtigen Händlern und Diplomaten in Konstantinopel. Die Hauptstadt zog Menschen aus allen Teilen des Reichs an, doch der Zugang zur Stadt war begrenzt. Das Eparchenbuch des frühen 10. Jahrhunderts bestimmte, dass etwa Handel mit Seide aus Syrien nur durch einen kleinen Personenkreis erfolgen durfte. Das Handelsvolumen und die Anzahl der Händler wurden auch bei anderen Waren durch Verträge geregelt. Drei solcher Abkommen schloss man im 10. Jahrhundert mit den Rus ab, die über das Schwarze Meer Felle, Honig und Sklaven brachten und dafür Gewürze, Textilien und andere Luxuswaren einkauften.
Liutprand von Cremona, der ebenfalls im 10. Jahrhundert im Dienst von westlichen Herrschern in diplomatischer Mission nach Konstantinopel kam, beklagt sich in seinem Bericht über die permanente Bewachung, die es ihm kaum möglich machte, mit anderen Lateinern ins Gespräch zu kommen.
Seit dem 11. Jahrhundert erhielten Händler aus Italien deutliche Privilegien der Zollfreiheit. Dies führte zur Ansiedlung von Venezianern, Genuesen und Pisanern in jeweils eigenen Stadtbezirken in der Hauptstadt, innerhalb derer sie eine gewisse Autonomie genossen. Der Kaiserhof überwachte diese Viertel genau, um ihre wirtschaftlichen und politischen Aktivitäten zu kontrollieren.
Dies führte jedoch auch zu Spannungen, insbesondere im 12. Jahrhundert, als byzantinische Bürger sich gegen den wirtschaftlichen Einfluss der Italiener wehrten. 1182 kam es zu einem Massaker an den Lateinern in Konstantinopel, das die Spannungen zwischen Byzanz und dem Westen verschärfte. Diese gipfelten schließlich 1204 in der Einnahme Konstantinopels durch den Vierten Kreuzzug.
Wer auch immer es sich leisten konnte, versuchte damals, die Stadt zu verlassen. Niketas Choniates, ein angesehener Beamter, musste mit seiner Familie fliehen und berichtete später darüber: „In dichtgedrängten Gruppen zogen nun die Bürger der Stadt aus, in Lumpen gehüllt, von Hunger entkräftet, mit bleichen, totengleich verfallenen Augen und blutgeröteten Augen, denn sie weinten mehr Blut als Tränen. Die einen klagten um ihren Besitz, anderen schien der Verlust ihrer Habe der geringste Schmerz und sie schluchzten, weil einer ihnen eine heiratsfähige Tochter geraubt und missbraucht hatte oder weil sie ihre Gattin verloren hatten. So zogen sie, jeder ein anderes Leid beweinend, ihres Weges dahin.“
Zu erzwungenen Migrationen kam es im Byzantinischen Reich immer wieder. Wenn es sich um größere regional oder ethnisch definierte Gruppen handelte, waren sie meist durch den Kaiser angeordnet. Zuwanderungen wurden häufig organisiert, um Bevölkerungsverluste – etwa durch Kriege – auszugleichen. Durch erzwungene Abwanderungen wollte man dagegen einen Grenzstreifen für Angreifer uninteressant machen.
Sasanidenkönig entführt Einwohner einer Stadt
Ein besonders spektakuläres Beispiel für ökonomisch motivierte Deportationen ereignete sich im Jahr 540, als der Sasanidenkönig Chosrau I. (reg. 531–579) aus der byzantinischen Residenzstadt Antiochia am Orontes Tausende von Menschen in die Nähe seiner Hauptstadt Ktesiphon bringen ließ. Dort wurde für sie eigens eine neue Stadt errichtet: „das bessere Antioch des Chosrau“. Dies, neben den Deportationen von Bewohnern weiterer Städte in Syrien durch die Sasaniden, wurde für Kaiser Justinian I. zum Anlass für seine Perserkriege.
Als im 7. Jahrhundert die Araber zu neuen Nachbarn an der byzantinischen Ostgrenze wurden, brachte dies weitere Bevölkerungsverschiebungen. Der wohl am besten bekannte Fall von kaiserlich angeordneter Zwangsmigration ereignete sich einige Jahrzehnte nach der Eroberung Zyperns durch die Araber. Im Jahre 691 ließ Kaiser Justinian II. (reg. 685–695 und 705–711) die gesamte byzantinische Bevölkerung Zyperns, einschließlich des Erzbischofs und weiterer Kleriker, an den Hellespont schaffen.
Das Schicksal von erzwungener Migration – ob durch Staatsgewalt oder durch widrige Umstände, sei dahingestellt – betraf besonders die Armenier. In der Gebirgsregion des Kaukasus in kleinen Fürstentümern organisiert, wurden sie aufgrund ihrer geographischen Lage zwischen Byzanz und seinen östlichen Nachbarn zum Spielball der Großmächte.
So berichtet der armenische Geschichtsschreiber Sebeos, dass gegen Ende des 6. Jahrhunderts Kaiser Maurikios (reg. 582–602) sich an den Perserkönig mit folgendem Vorschlag zur Beilegung der ständigen Grenzstreitigkeiten wandte: Die Armenier seien „eine aufsässige Nation. Sie befinden sich zwischen uns und sind ein Unruheherd. Ich werde meine sammeln und sie nach Thrakien schicken, sende Du Deine in den Osten. Falls sie dort sterben, sind es lediglich eine Anzahl von Feinden, die so sterben. Falls sie [ihre Nachbarn] töten, sind es eine Anzahl von Feinden, die getötet werden. Aber was uns betrifft, werden wir in Frieden leben. Doch wenn sie in ihrem Land bleiben, dann wird es für uns niemals Ruhe geben.“
Im Laufe der Jahrhunderte finden sich immer wieder Berichte über einzelne Armenier, die im kaiserlichen Dienst Karriere machten (beispielsweise Justinians General Narses), oder größere Gruppen, die im Reichsgebiet angesiedelt wurden (etwa die Vorfahren des Kaisers Basileios I.). Durch das Vordringen der Seldschuken wurden viele Armenier im Lauf des 11. Jahrhunderts zur Massenmigration in Richtung Westen gezwungen, wo sie sich in Kilikien niederließen und dort das sogenannte Kleinarmenische Reich gründeten.
Bevölkerungsverluste werden durch Umsiedlungen ausgeglichen
Auch die Nordgrenze in der Balkanregion sowie die Peloponnes waren häufiger von kaiserlich angeordneten Migrationen betroffen. Um die durch Kriege mit Awaren, Sklavinen und Bulgaren im 6. bis 11. Jahrhundert dezimierte Besiedlung dieser Regionen aufrechtzuerhalten, wurden immer wieder Menschen von Kleinasien dorthin zwangsversetzt. Gelegentlich erfolgte die Umsiedlung auch in entgegengesetzter Richtung, wenn die kleinasiatische Bevölkerung durch kriegerische Auseinandersetzungen mit den Arabern ausgedünnt war und neue Siedler und Soldaten gebraucht wurden.
Die mit einer solchen Zwangsmaßnahme verbundenen Schrecken sind in der Chronik des Theophanes Confessor anschaulich geschildert. Seiner Kritik über den Kaiser Nikephoros fügt Theophanes hinzu, dieser habe 810 den Befehl gegeben, „Christen aus jedem Thema [Provinz] ins slavische Gebiet [Sklavinien] umzusiedeln, nachdem sie ihr Hab und Gut verkauft hatten. Dieses Los war nicht viel besser als die Gefangenschaft, weshalb viele aus Unverstand Gott lästerten und sich einen Angriff der Feinde herbeiwünschten, andere aber um die Gräber ihrer Eltern jammerten und die Toten glücklich priesen. Einige erhängten sich, um von diesem Schrecken befreit zu sein. Denn sie konnten ihre Liegenschaften nicht mitnehmen, und mussten sehen, wie der von ihren Eltern mühselig erworbene Besitz verlorenging. Alle waren verzweifelt, sowohl die Armen … als auch die, welche zwar mehr besaßen und mit ihnen Mitleid empfanden, aber ihnen nicht helfen konnten, weil sie noch schwereres Unheil erwartete.“
Nur selten ist von einer ausdrücklichen Assimilierungspolitik seitens der byzantinischen Kaiser die Rede. So berichtet Kaiser Leon VI. in seinem Militärhandbuch („Taktika“) über die Politik der „Byzantinisierung“ seines Vaters und Vorgängers Basileios I. (reg. 867–886): er habe die Sklavinen (auch Slaven genannt) überredet, von ihren alten Sitten abzulassen, und habe sie „zu Griechen [graikosas] gemacht“.
Die Assimilierung erfolgte in diesem Fall schrittweise und nicht freiwillig. Der erste Schritt war die administrative Erfassung der Sklavinen durch das byzantinische Verwaltungssystem. Danach erfolgte die religiöse Gleichschaltung durch die Taufe, obwohl die Gültigkeit der Zwangstaufe unter byzantinischen Theologen durchaus umstritten war. In einem dritten Schritt wurden angestammte, interne Gefolgschaftsverhältnisse (Dienstpflichten) für nichtig erklärt. Der letzte Schritt war dann die Ausbildung zum Militärdienst im byzantinischen Heer, allerdings im Rahmen eines militärischen Zweiklassensystems, in dem die ausländischen Hilfstruppen eigene Einheiten bildeten. Dieses Zweiklassensystem war durchaus im Interesse des Staates, der auf diese Weise die Kernarmee der einheimischen Soldaten von riskanten Manövern entlasten konnte.
Einzelschicksale: zum Verlassen der Heimat gezwungen
Auch Einzelpersonen bzw. einzelne Familien und Haushalte mussten unter ökonomischem oder politischem Zwang migrieren. Nur selten erzählen die Quellen von der Notwendigkeit der Steuerflucht, wie dies in der Lebensbeschreibung des heiligen Philaretos des Barmherzigen geschieht. Ein Bauer habe sein Feld bestellt, als plötzlich sein Ochse tot umgefallen sei. In seiner Verzweiflung haderte der Bauer mit Gott: „Herr, ich hatte nichts außer diesem Gespann, und nun hast du auch dies von mir genommen. Womit soll ich meine Frau und meine neun kleinen Kinder ernähren? Womit soll ich dem Kaiser die Steuern bezahlen? Wie soll ich meine Schulden begleichen? Du weißt, Herr, dass der verstorbene Ochse auf Kredit gekauft war, und ich weiß nicht, was ich tun soll. Also werde ich mein Haus verlassen und fortlaufen in ein fernes Land, bevor meine Gläubiger dies erfahren und sich auf mich stürzen wie wilde Tiere.“
Laut der Heiligenlegende habe der Bauer, nach einer Fügung Gottes, überraschend Hilfe vom Landgutbesitzer Philaretos erhalten, der selbst aufgrund seiner exzessiven Wohltätigkeit im Begriff war zu verarmen.
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