Süleyman Schah gilt als der Großvater von Osman Gazi (gest. 1324), auf den sich die osmanische Dynastie zurückführt. Das Grabmal liegt heute am Ufer des Euphrat, 28 Kilometer stromab vom türkischen Grenzzaun und wird bewacht von türkischen Soldaten. Die auch Türken-Grab genannte, kaum 9000 Quadratmeter große Örtlichkeit wird freilich von keinem der von der türkischen Militärgeographie herausgegebenen Kartenwerke als „exterritorial“ hervorgehoben. Allerdings wird sein etwa 90 Kilometer von der Grenze gelegener früherer Standort in einem völkerrechtlich gültigen Vertrag ausdrücklich erwähnt. Im Abkommen von Ankara, in dem Frankreich am 20. Oktober 1921 einen Vorfrieden mit der Türkei schloss, wurde der größte Teil der Grenze zwischen dem Osmanischen Staat – in Istanbul saß noch der letzte Sultan-Kalif – und dem französisch kontrollierten Syrien festgelegt. Im Nahostfrieden von Lausanne (1923) wurden diese Grenzziehungen bekräftigt.
Wenn man genauer hinsieht, zeigt sich, dass der Nachbar der Türkei des Abkommens von Ankara noch nicht das Völkerbundmandat-Syrien gewesen war, denn dieses entstand erst 1924. Zuvor existierte, zumindest auf der Landkarte, der Etat d’Alep, ein Gebiet, das sich nach französischen Vorstellungen von seiner Hauptstadt Aleppo bis nach Osten erstreckte. Der Aleppo-Staat war, so kann man vermuten, für die türkischen Politiker, die sich damals auch nicht mit dem Verlust des ölreichen Mosul abgefunden hatten, kein endgültiges Gebilde. Das würde erklären, warum die Türkei auf den Besitz des Türkengrabs südlich der Grenze von 1921 bestand. Das angebliche Grab Süleymans war für sie weniger ein nationaler Erinnerungsort als eine Art geographischer Messpunkt für zukünftige Demarkationen. Der heute wieder interessante Artikel IX des Ankara-Abkommens von 1921 lautet: „Das Mausoleum Süleyman Schahs, Großvater von Sultan Osman, des Gründers der osmanischen Dynastie, bekannt unter dem Namen Türk Mezari, verbleibt mit seinen Nebenbauten, Eigentum der Türkei, die hier Wachtposten unterhalten und die türkische Fahne hissen kann.“
Die Verhandlungsführer, der französische Senator Henry Franklin-Bouillon, und Yusuf Kemal, der „Außenminister“ der in Ankara tagenden Großen Nationalversammlung, hatten sich auf eine im Frühnebel der osmanischen Geschichte entstandene Legende verlassen, nach der Süleyman Schah, beim Sturz vom Pferd den Tod am Euphrat gefunden haben soll.
Unter Abdülhamid II. (1876-1909), der den Kult seiner Altvorderen mit der Restaurierung von Mausoleen förderte, wurde auch am Euphrat eine Gedenkstätte errichtet. Dieses erste türkische Grabmal bei der Festung Dschaber verschwand 1973 unter den Fluten des aufgestauten Euphrats. Sterbliche Überreste seiner Bewohner wurden vielleicht – Einzelheiten sind nicht bekannt -an den heutigen Ort gebracht und in einem Neubau bestattet.





