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Ein tragisches Lied aus grauer Vorzeit
Als „Nationalepos“ und „deutsche Ilias“ ist das Nibelungenlied in der Vergangenheit bezeichnet worden. Doch wer sich auf die Suche nach den Ursprüngen der Sage begibt, muss bereit sein, im Trüben zu fischen.
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Als der Lindauer Arzt Jacob Hermann Obereit am 29. Juni 1755 in der Bibliothek der Grafen von Hohenems stöberte, stieß er schon nach kurzer Zeit auf eine Handschrift, die sein Interesse weckte. Mehr noch, so ahnte er, würde der Codex, den er in den Händen hielt, seinen Freund Johann Jakob Bodmer interessieren, der als Geschichtsprofessor in Zürich lehrte und sich mit alten Handschriften beschäftigte.
In einem Brief berichtete er ihm von seiner Entdeckung: „Eben gestern habe ich unvermutete Gelegenheit bekommen, eine kurze Reise ins vorarlbergische Hohen-Ems zu machen, woselbst heute unter anderem die Bibliothek in Augenschein genommen, und so glücklich gewesen, daß ich fast unter den ersten Büchern, so in die Hände bekommen, zwei alte eingebundene pergamentene Codices von altschwäbischen Gedichten gefunden, darvon der einte sehr schön deutlich geschrieben, einen mittelmäßig dicken Quartband ausmacht, und ein aneinanderhängend weitläuftig Heldengedichte zu enthalten scheint, von der burgondischen Königin oder Princessin Chriemhild, der Titel aber ist Adventure von den Gibelungen“.
Als Bodmer die Handschrift einige Wochen später selbst in Augenschein nahm, war er begeistert. Es müsse sich um „eine Art von Ilias“ handeln, so berichtete er seinem Brieffreund Laurenz Zellweger – und zog so als Erster einen häufig wiederholten Vergleich.
Tatsächlich war das Nibelungenlied für Jahrhunderte fast völlig in Vergessenheit geraten. Doch einmal wiederentdeckt, tauchten bald weitere Handschriften auf. Auf die von Obereit gefundene „Handschrift C“ folgten die St. Gallener „Handschrift B“ und die ebenfalls in Hohenems aufgefundene „Handschrift A“. Auf Grundlage dieser Funde veröffentlichte Christoph Heinrich Müller, ein Schüler Bodmers, der mittlerweile als Lehrer in Berlin arbeitete, im Jahr 1782 eine erste Edition als Teil seiner dreiteiligen „Samlung deutscher Gedichte aus dem XII. XIII. und XIV. Jahrhundert“.
So wie das Nibelungenlied ab dem 15. Jahrhundert in Vergessenheit geriet, so waren auch die historischen Grundlagen der Sage im hohen Mittelalter, als ein namentlich nicht bekannter Autor den Stoff zusammentrug, längst in Vergessenheit geraten. Tatsächlich basiert die Geschichte zumindest teilweise auf realen historischen Geschehnissen. So ist ein König der Burgunder namens Gundahar (im Lied: Gunther) historisch belegt.
Figuren und Handlung sind teils historisch, teils frei bearbeitet
Gleichwohl ist über den Personenverband, den er anführte, nur sehr wenig bekannt. Irgendwo am Rhein, möglicherweise sogar in der Gegend um Worms, lebten seine Burgunder in der Pufferzone am Rand des römischen Gallien. Zeitweise waren die Burgunder Föderaten des Reiches, doch dann drangen sie 435/36 aus historisch ungeklärten Gründen gewaltsam in die Provinz Belgica I ein. Der zuständige römische Heermeister Flavius Aëtius duldete dies nicht. Gestützt auf hunnische Hilfstruppen schlug er die Burgunder vernichtend. Gundahar wurde getötet, die Überlebenden seiner Gruppe von den Römern an der oberen Rhone angesiedelt.
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Hunnenkönig Attila („Etzel“) und sein Bruder Bleda („Blödel“) waren an der Niederlage der Burgunder um Gundahar jedoch ebenso wenig beteiligt wie Theoderich der Große („Dietrich von Bern“), der zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal geboren war. Auch fand Gundahar sein tragisches Ende wohl nicht wie im Lied beschrieben an der Donau, sondern nicht allzu weit vom Rhein entfernt.
Dass Attila und Theoderich keine Zeitgenossen waren – das wussten auch die gelehrten Historiker des Mittelalters. Trotzdem ist im Nibelungenlied auch eine Tradierung historischen Wissens zu sehen – wenngleich der Stoff im Laufe der Jahrhunderte vielfach umgeformt wurde: Zusammenhänge wurden vereinfacht, einzelne Akteure hervorgehoben, die Geschichte personalisiert, dem zeitgenössischen Geschmack und dem zeitgenössischen Verständnis angepasst. So konnte das Publikum Muster und Verhaltensweisen zwar erkennen, gleichzeitig aber blieb ihm die Geschichte so fremd, dass jedem klar sein musste, dass sich die Tragödie vom Untergang der Burgunder vor langer, langer Zeit ereignet haben musste.
Nicht alle Figuren der Handlung lassen sich indes so eindeutig mit ihren realen Vorbildern in Verbindung bringen wie Gunther, Etzel und Dietrich. Möglich ist dies noch für Gunthers Brüder: Zumindest die Namen der Burgunderkönige Gislaharius („Giselher“) und Gundomarius („Gernot“) sind überliefert – wenn man auch wenig über sie weiß. Dass Attila kurz vor seinem Tod eine Germanin namens Ildico („Kriemhild“) heiratete, ist ebenfalls bekannt. Andere Figuren lassen sich weit schwieriger fassen. Der Namensbestandteil „Sig-“ ist im Merowingerreich vielfach belegt, doch ein klares Vorbild für den Drachentöter Siegfried findet sich nicht. Und eine Frankenkönigin mit Namen Brunichild ist zwar überliefert, doch ein passendes Vorbild für die Brünhild des Nibelungenlieds gibt sie nicht ab. Auch für die zentrale Figur des Markgrafen Rüdiger von Bechelaren lässt sich kein eindeutiges Vorbild identifizieren – trotz vieler Versuche.
Dafür ist eine andere Person eindeutig historisch belegt: Der im Epos erwähnte Bischof Pilgrim von Passau amtierte zwischen 971 und 991. Damit passt er zeitlich jedoch so gar nicht zu den anderen auftretenden Figuren. Sein Auftritt ist zudem insofern bemerkenswert, als er für die Handlung völlig irrelevant ist. Und doch steckt mehr dahinter.
Im Zusammenhang mit dem Nibelungenlied spielt Passau eine besondere Rolle
Die dem Lied in fast allen Handschriften beigefügte, etwas später entstandene Nibelungenklage, die das Geschehen kommentiert und einordnet, identifiziert Pilgrim als denjenigen, der die Geschichte vom Untergang der Burgunder erstmals, und zwar in lateinischer Sprache, niederschreiben ließ. Erst später seien dann, so die Klage weiter, Übertragungen in die deutsche Sprache entstanden.
Dass das Nibelungenlied in seiner bekannten Form tatsächlich im Umfeld des Passauer Bischofshofs zu Papier gebracht wurde, gilt in der Forschung als Konsens. Als einzige im Lied erwähnte Stadt wird Passau genau beschrieben, und dass, obwohl es eigentlich nur eine Nebenrolle spielt. Es ist ein beliebiger Ort entlang der Wegstrecke, den die Burgunder auf ihrer Reise an den Hof Etzels passieren. Die präzise Beschreibung ist auch insofern besonders bemerkenswert, als zwar auch andere im Lied erwähnte Orte wie Xanten, Worms oder Wien die Namen realer Vorbilder tragen, bei ihnen jedoch auf jede nähere Beschreibung verzichtet wird. So steht zu vermuten, dass der Dichter von den genannten Orten nur Passau hinreichend gut kannte.
Aufgrund der Qualität der Reimtechnik und einer auf etwa 1204/05 zu datierenden Anspielung Wolframs von Eschenbach lässt sich die Niederschrift des Liedes relativ präzise um das Jahr 1200 herum ansetzen. Zu dieser Zeit amtierte als Passauer Bischof Wolfger von Erla (1191–1204). Dessen aktive Förderung von Literaten ist hinreichend belegt, findet sich doch in seinen Rechnungsbüchern der einzige Hinweis auf das Leben Walthers von der Vogelweide: Der Bischof schenkte ihm einen neuen Mantel.
Eine Geschichte um Rache, Verrat und heroischen Untergang
Ohne die Unterstützung eines Mäzens wie Wolfger ist die Entstehung eines umfangreichen literarischen Werkes aber schlicht nicht denkbar. Dass es sich beim Dichter um eine gebildete Person, vermutlich einen Kleriker, aus dem Umfeld Wolfgers handelte, erscheint daher mehr als nur wahrscheinlich.
Doch wie ging der Dichter bei seiner Arbeit vor? Versuche, das Werk als Kommentar der politischen Ereignisse der Zeit um 1200 zu deuten, sind nicht wirklich stimmig. Stattdessen handelt es sich wohl um die literarische Bearbeitung eines seit Jahrhunderten vor allem mündlich tradierten Sagenstoffes – der vom Dichter in einer nicht näher bezeichneten Vergangenheit, tief in der historischen Ferne verortet wird.
Die Geschichte, die er zu Papier bringt, ist ungeheuerlich. Die Exorbitanz, das Unglaubliche, das Heroische sind erschreckend und abschreckend zugleich. Es ist eine Art von Geschichtsschreibung, bei der das Historische zugunsten der Geschichte selbst in den Hintergrund tritt, einer Geschichte um Rache und Verrat, um Arroganz und Aggressivität und den tragischen, brutalen Untergang eines fast vergessenen Volkes.
Dabei war der Autor nicht der Einzige, der sich am Stoff versucht hatte. Dieselben Quellen, derer er sich bediente, nutzten auch andere. Auch in anderen verschriftlichten Sagen werden Elemente des Stoffes greifbar – auch wenn er hier auf andere Art und Weise verarbeitet wurde. Zeugnis vom Untergang der Burgunder geben etwa auch einige jener nordischen Lieder, die in der um 1270 entstandenen Lieder-Edda gesammelt wurden. Gleichwohl wurden andere Schwerpunkte in der Erzählung gesetzt, die Geschichte ist – trotz vieler Gemeinsamkeiten – letztlich eine andere. Spuren einer solchen Abstammung von einem gemeinsamen Sagenstoff findet man auch im Hildebrandslied und der Thidrekssaga.
Quellen speisen sich aus alten Sagen und Erzählungen
Es ist davon auszugehen, dass es schon im frühen Mittelalter einen relativ stabilen Sagenkern gab – der dann in mannigfaltiger Weise immer wieder neu bearbeitet wurde. Dabei lassen sich klare Verwandtschaftslinien und Richtungen der gegenseitigen Beeinflussung kaum ausmachen – was auch einer komplizierten Überlieferungslage geschuldet ist. So sind die Verschriftlichungen der nordischen Lieder später zu datieren als die des Nibelungenlieds – was aber nicht bedeutet, dass sie nicht bereits zu einem früheren Zeitpunkt zur Reife gekommen sein könnten (aber vermutlich nicht sind).
Dass der Passauer Dichter in einem komplexen Sagenkosmos operierte, in dem sich auch seine Zuhörer orientieren mussten, wird an mehreren Stellen des Epos zumindest angedeutet. So wird sich gleich mehrfach auf frühere Begegnungen der auftretenden Personen bezogen, ohne dass diese (Vor-)Geschichten ausführlich geschildert werden – sie werden als bekannt vorausgesetzt. Auch einige Unstimmigkeiten in der Handlung ließen sich damit erklären, dass es dem Dichter nicht gelang, die ihm vorliegenden Quellen perfekt zu synchronisieren – wobei auch nicht unbedingt davon ausgegangen werden darf, dass er diesen Anspruch überhaupt hegte. Konkretere Aussagen über besagte Quellen zu treffen, die mindestens teilweise aus einer oralen Erzählkultur stammten, ist kaum möglich.
Sich mit der Entwicklungsgeschichte der Nibelungen zu beschäftigen, bedeutet, im Nebel zu stochern. Das heißt nicht, dass in der Vergangenheit nicht versucht worden ist, Ordnung in den Sagenkosmos zu bringen – in der Regel unter der Annahme, dass die ältere oder auch nur vermeintlich ältere Version der Sage auch die „bessere“, weil „ursprünglichere“ sei. Auch Wagners „Ring des Nibelungen“ ist das Produkt einer solchen Auffassung: Da Wagner die nordischen Bearbeitungen für die älteren hielt, bediente er sich vor allem ihrer und nur nachrangig des Werks des Passauer Dichters.
Klar ist jedoch auch: Mit seiner Bearbeitung des Stoffes schockierte ebenjener sein Publikum. Nichts legt davon deutlicher Zeugnis ab als die Nibelungenklage, jener Text, in dem versucht wurde, die schockierenden, grausamen Ereignisse, die im Lied geschildert werden, einzuordnen und begreiflich zu machen. Auch die „Handschrift C“ stellt eine Redaktionsstufe dar, in der versucht wurde, vor allem Kriemhilds Verhalten besser zu erklären.
Trotz oder gerade wegen seiner Ungeheuerlichkeit war das Nibelungenlied im Mittelalter sehr populär. Davon zeugt auch die reiche Überlieferung in nicht weniger als 36 überlieferten Handschriften bzw. Handschriftenfragmenten. Aus diesen ragen die oben genannten Handschriften A, B und C durch ihre Vollständigkeit und Qualität hervor. Fast alle anderen Überlieferungen lassen sich eindeutig auf eine dieser drei Redaktionen des Textes zurückführen.
Der Popularität des Textes im Mittelalter zum Trotz gelang ihm jedoch nicht der Sprung in das um die Mitte des 15. Jahrhunderts anbrechende Zeitalter des gedruckten Wortes. Es schien fast, als sei die Geschichte aus der Zeit gefallen. Doch auch nach seiner Wiederentdeckung im 18. Jahrhundert gefiel das Werk nicht jedem. Berühmt geworden ist das scharfe Urteil Friedrichs des Großen, dem Müller seine Erstedition gewidmet hatte: „Nicht einen Schuss Pulver“ seien diese mittelalterlichen Gedichte wert, die Müller da zur Publikation gebracht habe. Sie „verdienten nicht, aus dem Staube der Vergessenheit, gezogen zu werden“, so der König.
Ein solches Urteil sagt jedoch mehr über den Literaturgeschmack des Königs – in dessen Augen auch Lessing und Shakespeare keine Gnade fanden – als über die Qualität des Werkes aus. So war es für Johann Wolfgang von Goethe eine Pflichtlektüre: „Jedermann sollte es lesen, damit er nach dem Maaß seines Vermögens die Wirkung davon empfange.“
Die NS-Propaganda kapert das Heldenepos
Doch auch in belesenen Kreisen stieß der Stoff bisweilen auf Ablehnung. So bezeichnete der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788–1860) den gerne bemühten Vergleich mit der „Ilias“ als schiere Blasphemie. Und er warnte seine Zeitgenossen, „an die Stellen der griechischen und römischen Klassiker altdeutsche Reimereien“ zu setzen. Nichtsdestotrotz nahm die Popularität des Nibelungenlieds im Laufe des 19. Jahrhunderts nur mehr zu. Maßgeblichen Beitrag dazu leistete auch die 1827 erschienene und heute noch populäre Übersetzung von Karl Simrock.
Dass das Nibelungenlied schon bald als ein patriotisches Werk aufgefasst wurde, hatte mehrere Ursachen. Vor allem erlaubte es – in der Zeit der Befreiungskriege 1813 bis 1815 und dann wieder um 1870/71 – die Abgrenzung von der zunehmend verhassten französischen Kultur. Mit dem erstarkenden Nationalismus fanden auch neue Deutungs- und Interpretationsmuster Zuspruch. Als Bernhard von Bülow 1909 in Bezugnahme auf das deutsch-österreichische Bündnis seinen berüchtigten Vergleich mit der „Nibelungentreue“ zog, konnte er davon ausgehen, in seinem Sinne verstanden zu werden.
Dabei kann seine vom patriotischen Eifer angetriebene Textauslegung nur noch als fragwürdig bezeichnet werden. Seltsam rührt es auch an, dass es schwadronierenden Nationalisten immer wieder gelang, gleichzeitig die Haltung Siegfrieds wie die seines Mörders Hagen zu preisen – von der Rezeption des Stoffes durch das mittelalterliche Publikum hatten sie sich bereits Lichtjahre entfernt.
Schließlich wurde der sinnentstellenden Interpretation des Stoffes von der NS-Propaganda die Krone aufgesetzt. Ihren negativen Höhepunkt erreichte sie, als Göring in einer wahnhaften Rede die Verteidigung Stalingrads mit dem Kampf der Burgunder in der brennenden Festhalle gleichsetzte. Dass irgendjemand den Blutrausch, mit dem er sein Publikum schockierte, auch noch als erstrebenswert ansehen würde – das hätte sich der Passauer Dichter wohl nie je träumen lassen.
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