Seine hervorquellenden starren Augen ließen die Umstehenden vor Grauen und Furcht erstarren.“ So schildert uns der Kaiserbiograph Sueton das Ende eines Herrschers, der zu den wenigen römischen Kaisern zählt, deren Gestalt auch heute noch in der Öffentlichkeit präsent ist. Als Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus trat er am 13. Oktober des Jahres 54 die Herrschaft über ein Weltreich an und füllte diese Rolle fast 14 Jahre lang aus, bis in den Juni des Jahres 68.
Dabei war es dem kleinen Jungen, der am 15. Dezember des Jahres 37 in der kleinen Stadt Antium (Porto d’Anzio) an der Küste Latiums das Licht der Welt erblickte, keineswegs in die Wiege gelegt, daß er einmal in der Nachfolge des großen Augustus das römische Imperium regieren sollte. Der Knabe, der zunächst auf den Namen Lucius Domitius Ahenobarbus hörte, entstammte der hochadligen Familie der Ahenobarbi, die seit mehr als 200 Jahren konsulare Würden besaßen. Auch Neros Vater, Gnaeus Domitius Ahenobarbus, hatte bereits fünf Jahre vor der Geburt seines Sohnes das Konsulat erreicht. Das allein implizierte aber noch keinerlei Chancen auf eine Kaisernachfolge.
Entscheidender war da schon, daß Neros Vater im Jahr 28 auf Geheiß des damaligen Herrschers Tiberius die vornehme Iulia Agrippina heiratete. Agrippina die Jüngere, wie sie genannt wird, um sie von ihrer gleichnamigen Mutter, Agrippina der Älteren, zu unterscheiden, war die Tochter des erfolgreichen Generals und Augustus-Enkels Germanicus (Claudius Drusus). Weit im Norden, im heutigen Köln, im Jahr 15 geboren, gehörte sie sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits zur Herrscherfamilie der Iulo-Claudier. Ihr Vater, den sie bereits im Alter von vier Jahren verlor, war auch nach seinem mysteriösen Tod – Gerüchten zufolge soll er vergiftet worden sein – beim Volk von Rom wie bei den Soldaten hoch angesehen. Agrippinas Jugend prägte der immer blindwütiger werdende Haß der Mutter auf ihren Schwiegervater, den regierenden Kaiser Tiberius, den sie für den Tod ihres Gatten verantwortlich machte – Vorwürfe, die in die Verbannung der älteren Agrippina zusammen mit ihren Kindern mündeten.
Zum Zeitpunkt der Geburt ihres einzigen Kindes war Agrippina die Jüngere 21 Jahre alt. Seit einem Jahr saß ihr Bruder Gaius, genannt Caligula, auf dem Kaiserthron. Er hatte sie wie auch ihre beiden Schwestern aus dem Exil zurückgeholt, in dem ihre Mutter Selbstmord begangen hatte. Die drei Kaiserschwestern waren nicht nur rehabilitiert, sondern auch mit Ehren privilegiert worden, wie man sie für weibliche Mitglieder des Kaiserhauses bisher nicht gekannt hatte.
Die Nero-Mutter war sich also ihrer Besonderheit durchaus bewußt, kannte aber auch aufgrund des Schicksals ihrer Mutter die Gefahren, die eine derartig exponierte gesellschaftliche Stellung mit sich brachte. Mit Stolz erfüllte sie auch, daß sie zumindest zu diesem Zeitpunkt den einzigen männlichen Nachkommen vorweisen konnte, der in direkter Linie mit dem Begründer des Prinzipats, Augustus, verwandt war. Mögen vielleicht mütterliche Fürsorge und emotionale Zuwendung dem herben Charakter Agrippinas entsprechend etwas zu kurz gekommen sein, so setzte sie jedoch all ihren Ehrgeiz darein, ihrem Sohn eine Erziehung angedeihen zu lassen, die seiner gesellschaftlichen Stellung entsprach. Ja mehr, man hat den Eindruck, sie stellte ihr ganzes Leben unter die Prämisse, diesen kleinen Lucius Ahenobarbus an die Stelle zu bringen, die ihrer Meinung nach für ihn die einzig richtige war: den römischen Kaiserthron.





