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Ein unglücklicher Start
Die Zeitgenossen, die Winston Churchill in den 1870er und 1880er Jahren aufwachsen sahen, hätten es wohl nie für möglich gehalten, dass dieser arrogante Spross einer in Verruf geratenen Adelsfamilie, der in der Schule vor allem durch miserable Leistungen auffiel, einmal einer der größten britischen Nationalhelden…
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Ob Winston Leonard Spencer Churchill – so sein voller Name – als Kind bereits mit seinen ersten Worten zitierfähige Aphorismen lieferte, ist nicht bekannt. Allerdings sind seine literarischen Erinnerungen an Kindheit und Jugend, die er 1930 unter dem Titel „My early life“ (deutscher Titel: „Meine frühen Jahre“) veröffentlichte, gespickt mit Bonmots. So notiert er zu seiner besonderen Verbindung mit Blenheim Palace, dem Schloss der Herzöge von Marlborough, dass er hier die beiden wichtigsten Entscheidungen seines Lebens getroffen habe, „geboren zu werden, und zu heiraten, und weder das eine noch das andere habe ich je bereut“.
John Churchill (1650–1722), der erste Herzog von Marlborough, war ein Held der Kriege Englands gegen den französischen König Ludwig XIV. (reg. 1643–1715). Zum Dank ernannte man ihn zunächst zum Grafen, später zum Herzog. Um die eigene Bedeutung auch architektonisch angemessen zur Schau zu stellen, ließ John Churchill in der Grafschaft Oxfordshire ein riesiges Schloss bauen: Blenheim Palace. Es ist benannt nach einem der glanzvollsten Siege des Feldherrn im Spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714). In der deutschen Historie gilt als namengebender Ort der Schlacht jedoch nicht Blenheim (Blindheim), sondern das nahegelegene Höchstädt an der Donau. Am 13. August 1704 siegten die von John Churchill kommandierten Engländer hier gegen bayerische und französische Truppen.
Der kleine Winston, der am 30. November 1874, in Blenheim Palace zur Welt kam, trug also durchaus einen stolzen Namen – sollte man meinen. Tatsächlich aber hatte das Haus Marlborough in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits jeden Glanz verloren. Die Herzöge waren seit Langem als Lebemänner bekannt. 1882 stand es um den Ruf der Familie so schlecht, dass sich der viermalige britische Premierminister William Gladstone (1809–1898) zu folgender Schmähung veranlasst sah: „Seit John von Marlborough hat es keinen einzigen Churchill gegeben, der Moral oder Prinzipien besessen hätte.“
Dem verschuldeten Adelshaus droht mehrmals der Bankrott
Auch finanziell war die Lage durch den Hang der Herzöge zur Verschwendung bereits seit Generationen prekär. Um die Familie vor dem Bankrott zu retten, mussten 1862 riesige Ländereien verkauft werden, 1875 dann die Juwelen der Familie und Anfang der 1880er Jahre die Bibliothek sowie die Sammlung alter Meister.
George Spencer-Churchill, der achte Herzog von Marlborough, der 1883 den Titel erbte (Winston war damals acht Jahre alt), trieb es mit seinem Liebesleben voller Affären so weit, dass er vom Prince of Wales, dem ältesten Sohn Königin Viktorias (reg. 1837–1901), den wenig schmeichelhaften Titel „größter lebender Lump“ verliehen bekam.
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Vom Titel des Herzogs war Winston Churchill in der Erbfolge weit entfernt. Sein Vater, Lord Randolph, war der dritte Sohn des siebten Herzogs von Marlborough. Zumindest in den Augen der Öffentlichkeit bildete Randolph Churchill keine Ausnahme, was den familiären Hang zum Exzess anging. Bereits beim Studium in Oxford fiel er durch Glücksspiel und Alkohol auf. Früh drückten ihn Schulden. Da kam die Heirat mit Jennie Jerome (1854–1921), der Tochter eines US-amerikanischen Wall-Street-Millionärs, im Jahr 1874 gerade recht.
Im selben Jahr schaffte Randolph als Kandidat der konservativen Partei den Einzug ins Unterhaus des Londoner Parlaments. Die Familie lebte in den 1870er Jahren einige Jahre in Irland, da Randolph als Sekretär seines Vaters, der das Amt des Vizekönigs von Irland innehatte, tätig war.
Winston Churchill wuchs in einer Zeit auf, in der die Privilegien des Adels nicht mehr sakrosankt waren. Sein Vater Randolph sah sich als Politiker mit dem „Third Reform Act“ (1884/85) konfrontiert, der dritten Stufe der Erweiterung der Zahl der Wahlberechtigten. Nachdem 1867 bereits der industriellen Arbeiterklasse mehr – wenn auch aus heutiger Sicht bescheidene – Mitbestimmungsrechte zugeteilt worden waren, ging es 1884/85 um die in der Landwirtschaft Beschäftigten.
Der Adel fürchtete, dass mit diesen neuen Wählern der eigene politische Einfluss im Parlament weiter geschmälert würde. Randolph Churchill fragte sich angesichts dieser „erschreckend demokratischen Maßnahme“: „Werden wir von einem turbulenten und unwiderstehlichen Strom mitgerissen, der uns zu einem politischen Niagara trägt, in dem alles Sterbliche, das wir kennen, bis zur Unkenntlichkeit verdreht und zerschlagen wird?“
Lord Randolph wollte die konservative Partei auf dieses Szenario vorbereiten und bildete mit einigen wenigen Mitstreitern einen parteiinternen Flügel, der sich der „Tory Democracy“ verschrieb. Das Ziel: Die Konservativen sollten volksnaher werden, um auch für Arbeiter und Bauern wählbar zu sein.
Für kurze Zeit sah es dann so aus, als könnte Randolph Churchill sogar Premierminister werden. Im August 1886 wurde er zum Schatzkanzler ernannt, traditionell eine bewährte Position für den Sprung ganz an die Spitze. Doch gleich mit dem ersten Haushaltsplan verscherzte er es sich mit seinen Parteifreunden dermaßen, dass er bereits im Dezember 1886 zurücktreten musste. Damit endete auch seine Zeit in der ersten Reihe der britischen Politik.
Der Vater war für Winston eine unnahbare Figur. In seinen Lebenserinnerungen bedauert Churchill, dass die beiden überhaupt nur wenige längere Unterhaltungen geführt hätten. Aufstieg und Fall seines Vaters in der Politik verfolgte Winston Churchill in der Zeitung.
Allein das Kindermädchen gibt dem Jungen ein Gefühl der Geborgenheit
Für seine amerikanische Mutter Jennie empfand er viel Zuneigung, aber auch hier war das Verhältnis distanziert. Er erinnert sich später: „Auf mich als Kind machte meine Mutter diesen glanzvollen Eindruck. Sie leuchtete für mich wie der Abendstern. Ich liebte sie zärtlich – aber von fern.“ Die wichtigste Bezugsperson seiner Kindheit war die Kinderfrau (nanny) Elizabeth Everest (1834–1895): „Mrs Everest sorgte für mich und kümmerte sich um all meine Bedürfnisse. Ihr teilte ich mit, wenn mich etwas bedrückte, damals und während der Schulzeit.“
In seinem achten Lebensjahr besuchte Winston sein erstes Internat, die Vorbereitungsschule St George’s bei Ascot, wo er die Jahre 1882 bis 1884 verbrachte. Die Aussicht, fortan im Internat zu leben, habe ihn bedrückt, schreibt Churchill in „Meine frühen Jahre“: „Auch war mir ganz elend zumute bei dem Gedanken, in diesem großen, unwirtlichen und beängstigenden Gebäude mit den fremden Menschen allein gelassen zu werden.“
In seiner Kinderstube sei er dagegen stets glücklich gewesen: „Ich besaß die herrlichsten Dinge: eine richtige Dampflokomotive, eine Laterna magica und eine Sammlung von Zinnsoldaten, fast tausend Mann stark.“ Im Internat dagegen „hieß es nur noch lernen“.
Eingeprägt haben sich Churchill aus dieser Zeit besonders die Prügelstrafen: „Prügel mit der Birkenrute nach Eton-Manier waren groß in Mode in der St James’s [St George’s] School. Aber ich bin überzeugt, dass kein Schüler von Eton und ganz bestimmt keiner in Harrow zu meiner Zeit je so furchtbare Schläge bekommen hat, wie sie der Direktor den seiner Obhut und Gewalt anvertrauten kleinen Jungen verabreichen ließ.“ Bei dem noch keine zehn Jahre alten Winston führte diese brutale Form der Pädagogik – zumal er als schlechtester Schüler in der Klasse oft den Bestrafungen ausgesetzt war – zu einem zeitweiligen Stottern.
Nach dem Besuch einer weiteren Schule in Brighton wurde Churchill im April 1888 an der Londoner Eliteschule Harrow aufgenommen. Ausschlaggebend dürften nicht seine Noten gewesen sein, sondern sein klangvoller Familienname. In seinen Jugenderinnerungen wirft er ein mildes Licht auf diesen Umstand. Er dankte dem damaligen Direktor von Harrow nachträglich, dass dieser trotz der miserablen Aufnahmeprüfung ein Auge zugedrückt habe: „Er bewies damit, dass er die Gabe besaß, unter die Oberfläche zu blicken. Ein Mann, der sich in seinem Urteil nicht auf Papierkram verließ.“
Mit Latein und Griechisch auf Kriegsfuß
Auch die viereinhalb Jahre in dem Eliteinternat machten aus dem Adelsspross keinen besseren Schüler. Churchill selbst hatte dafür eine einfache Erklärung: „Ich hätte mir gewünscht, dass man mir zu sagen erlaubt hätte, was ich wusste. Sie aber bemühten sich zu fragen, was ich nicht wusste … Ein solches Verfahren hatte verständlicherweise zur Folge, dass ich bei den Prüfungen schlecht abschnitt.“
Vermutlich hatte Churchill tatsächlich etwas Pech mit seinen Interessen, denn ohne Zweifel las er sich bereits in seiner Jugend ein fundiertes Wissen über Geschichte und insbesondere Militärgeschichte an. Auch wenn ihm Griechisch und Latein verhasst waren, so perfektionierte er in den Internaten doch den Umgang mit seiner Muttersprache. „Wir lernten nicht nur die englische Grammatik beherrschen, sondern trieben auch ständig Sprachanalyse … Wir exerzierten das fast jeden Tag. Der Aufbau eines gewöhnlichen englischen Satzes … ging mir in Fleisch und Blut über.“ Eine gute Grundlage für seine spätere Karriere als Autor und Journalist.
Ein anschließendes Studium in Oxford oder Cambridge schloss der Vater angesichts des Bildungsversagens seines Sohns aus. Die Lösung: Der Junge sollte zum Militär. Doch selbst die Aufnahmeprüfung für die Militärakademie in Sandhurst gelang erst im vierten Versuch (der Vater dürfte dabei wohl wieder nachgeholfen haben).
Die militärische Ausbildung zum Kadetten – nun ging es nicht mehr um Latein, sondern um Taktik, Reiten, Turnen und Exerzieren – sagte Churchill wesentlich besser zu: Bei der Abschlussprüfung im Dezember 1894 schaffte er es auf den achten Rang unter den 150 Schülern des Jahrgangs.
Auch während seiner Ausbildung in Sandhurst machte Churchill der notorische Geldmangel seiner Familie zu schaffen. Die Ausstattung als Offizier im 4. Husarenregiment konnte er nur durch Geldgeschenke aus der Verwandtschaft und einen Kredit finanzieren. Er wusste, dass seine Mutter stets unverantwortlich mit Geld umging. In einem späteren Brief an sie übte er entsprechende Kritik, schloss sich selbst aber mit ein: „Wir beide, du und ich sind gleichermaßen unbesonnen, verschwenderisch und extravagant.“ Sein Fazit: „Wir sind verdammt arm.“
Der Tod des Vaters am 24. Januar 1895 war aus Sicht des Churchill-Biographen Sebastian Haffner „eine Erklärung dafür, dass der junge Winston Churchill mit 21 Jahren wie eine zusammengepresste, plötzlich entriegelte Feder vorwärtsschnellte“. Churchill selbst bewertete das ähnlich, er schreibt in „Meine frühen Jahre“: „Von nun an war ich Herr meiner Geschicke.“
Als Ursache für Randolph Churchills Tod wird inzwischen Syphilis vermutet. Für Winston muss der seit 1890 immer dramatischere gesundheitliche Verfall seines Vaters – der auch mit Phasen geistiger Verwirrung verbunden war – schockierend gewesen sein. In seiner Autobiographie beschreibt er den Todestag: „Mein Vater starb … in den frühen Morgenstunden. Ich wurde aus einem Nachbarhaus, in dem ich schlief, herbeigerufen und rannte in der Dunkelheit über den Grosvenor Square, der damals mit Schnee bedeckt war. Sein Ende war recht schmerzlos. Er war ja schon lange im Stupor [nicht mehr ansprechbar].“
In „Meine frühen Jahre“ verklärt er das Verhältnis zum Vater: „Alle meine Träume von der Kameradschaft mit ihm, vom Einzug ins Parlament an seiner Seite und zu seiner Unterstützung, waren zu Ende. Es blieb mir nichts anderes übrig, als seine Ziele zu verfolgen und sein Andenken zu verteidigen.“ Tatsächlich war 1895 an einen gemeinsamen Einzug ins Parlament gar nicht zu denken gewesen. Der Vater hatte dem Sohn jegliche Kompetenz für ein politisches Amt abgesprochen.
Der Dünkel der Aristokratie prägt Churchill ein Leben lang
Auch Reichtümer erbte Winston Churchill nicht von seinem Vater. Was blieb, war die Abstammung aus einer der schillerndsten Adelsfamilien Großbritanniens. Und diese Herkunft hat Churchill trotz der finanziellen Notlagen sein ganzes Leben lang stark geprägt. Der britische Historiker David Cannadine fasste zusammen, wie sehr ihn dies von seinen Mitmenschen abhob: „Seine Arroganz, sein Selbstbewusstsein, seine absolute Nonchalance hinsichtlich Konsequenzen, sein völliger Mangel an Interesse für die Gefühle und Gedanken anderer: All dies wurde von Beobachtern als ausdrückliches Zeichen seiner Herkunft aus der Oberschicht betrachtet – und bedauert.“
Für den britischen Autor C. P. Snow (1905–1980) war Churchills aristokratisches Selbstverständnis auch auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Premierminister immer gegenwärtig: „Er war der letzte Adlige, der über dieses Land herrschte – ihm nicht nur vorstand, sondern tatsächlich darüber herrschte.“
Im März 1895 war Churchill noch weit von dieser Zukunft entfernt, doch er war endlich im Leben angekommen: Er schaffte die Aufnahme als Leutnant im 4. Husarenregiment in Aldershot. Nun drängte es ihn in die Welt hinaus, und die war damals noch immer zu einem großen Teil britisch.
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