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Ein verhasster Kaiser und Hohepriester
Als die Tante des ermordeten Kaisers Caracalla ihren Enkel Elagabal an der Spitze einer Rebellion zum Kaiser machte, musste sie bald erkennen, dass dessen sexuelle Ausschweifungen sowie die von ihm befohlene Führungsrolle seines orientalischen Kults im Pantheon ganz Rom gegen ihn aufbrachten.
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Die Mittsommerprozession, die sich von den prunkvollen Palästen des Palatin aus in Richtung Stadtrand bewegte, bot einen selbst für römische Augen sehr ungewöhnlichen Anblick. Vorn marschierten Soldaten. Wer die stolz erhobenen Standarten sah, musste unweigerlich an einen Triumphzug denken, mit denen erfolgreiche Heerführer ihre militärischen Erfolge zu feiern pflegten. Doch folgten nach den Soldaten keine Kriegsgefangenen und keine geraubten Schätze. Stattdessen waren nun Bildnisse römischer Gottheiten zu sehen. Rühmte sich hier jemand, das Pantheon selbst unterworfen zu haben? Der Protagonist des Zuges kam nun in Sicht: Auf einem prächtigen Streitwagen stand ein schwarzer Stein, vermutlich ein Meteorit, umwickelt mit den Zügeln, ganz so, als lenke er selbst das Gefährt. Das Zaumzeug hielt jedoch ein Mensch, der vor dem Wagen rückwärts einherrannte. Die Gestalt trug ein Ornat, das die Zuschauer an freizügige Frauenkleider erinnerte. Das Gesicht, dem schwarzen Stein zugewandt, war stark geschminkt – stärker, als dies für eine vornehme Dame angemessen gewesen wäre.
Eine ehrgeizige Patriarchin ist nicht bereit, den Machtverlust der Familie hinzunehmen
Es handelte sich um Marcus Aurelius Antonius (reg. 218–222), den neuen Kaiser des Römischen Reiches – später bekannt unter dem Namen Elagabal, denn so hieß auch der schwarze Stein, der Gott, den er nach Rom gebracht hatte. Links und rechts von ihm rannten Leibwächter, um ihn aufzufangen, falls er straucheln sollte. Daneben liefen weitere Menschen, die Fackeln bei sich trugen und Blumenblätter und Kränze warfen. Der Boden war bedeckt mit goldenem Sand. Elagabal war noch ein Teenager, doch schon bald sollte er sterben. Seine Prätorianer würden ihm ein gewaltsames Ende bereiten – voller Hass auf einen Kaiser, der so ganz anders war als sein vermeintlicher Vater Caracalla (reg. 211–217).
Kaiser Caracalla war während seines Feldzugs gegen das persische Partherreich ermordet worden. Verantwortlich war mit hoher Wahrscheinlichkeit sein Prätorianerpräfekt Marcus Opellius Macrinus, der ihn im Feldlager als Kaiser ablöste. Daraufhin trat Maesa, Elagabals Großmutter und Caracallas Tante, auf den Plan. Sie wollte nicht nur Rache üben; sie fürchtete auch, mit ihrer Familie in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen. Nachdem Maesa, zusammen mit ihren Töchtern und Enkelkindern, lange Zeit Teil des Kaiserhofes gewesen war, lebte sie nun in ihrer alten Heimat, dem syrischen Emesa, wo der 14-jährige Elagabal (damals hieß er noch Sextus Varius Avitus Bassianus) das Hohepriesteramt des dort praktizierten Elagabal-Kults bekleidete.
In der Nacht nach den Iden des Mai 218 brachte Maesa einen Teil ihrer Familie mit kleinem Gefolge zur Garnison nach Raphaneae, wo die Legio III Gallica stationiert war. Den Legionären eröffnete sie, dass ihre beiden Enkel, Elagabal und sein Cousin Alexianus, in Wirklichkeit illegitime Söhne Caracallas seien. Damit bezichtigte sie ihre eigenen Töchter des Ehebruchs. Diese mussten es hinnehmen; es war der einzige Weg zurück an den Kaiserhof. Ohnehin wusste jeder, dass Elagabals Mutter Soaemias eine Liebesbeziehung mit dem Tutor ihres Sohnes, dem Freigelassenen Eutychianus, unterhielt.
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Die Soldaten hatten Caracalla als einen der Ihren verehrt und geliebt; den neuen Kaiser Macrinus dagegen verachteten sie für seine militärische Unerfahrenheit und unterstellten ihm nach seiner Flucht vor den Parthern Verweichlichung und Feigheit. Um ihre Entscheidung zu vereinfachen, kam ein finanzieller Anreiz hinzu. Maesa hatte Erfolg: Die Legion rief Elagabal zum Kaiser aus.
Als der Prätorianerpräfekt Ulpius Julianus davon erfuhr, sammelte er so schnell wie möglich eine Armee um sich und zog den Rebellen entgegen. Zwar war seine Truppe in der Übermacht, letztlich sollten aber andere Faktoren über den Sieg entscheiden: Den Belagerern der Befestigung von Raphaneae wurde der junge Gegenkaiser vorgeführt, zusammen mit Bildnissen Kaiser Caracallas. Die Rebellen forderten sie auf, sich ihnen anzuschließen. Und so kam es. Obwohl kaum eine Ähnlichkeit zwischen dem schmalen Elagabal und dem bulligen Caracalla erkennbar war, wollten die Legionäre einfach glauben, dass ihr geliebter Kaiser einen Erben hinterlassen hatte. Sie töteten ihre Offiziere und liefen über. Der Prätorianerpräfekt Julianus floh – aber er sollte nicht weit kommen.
Kaiser Macrinus zog mit einer prätorianischen Leibgarde nach Apamea. In der pulsierenden Metropole war die Legio II Parthica stationiert. Mit großzügigen Geldgeschenken wollte der Kaiser Armee und Bevölkerung auf seine Seite bringen, um den nahenden Rebellen Einhalt zu gebieten. Und schon glaubte er sich siegreich, als bei einem Bankett ein Bote erschien und ihm ein kunstvoll verschnürtes Paket mit dem Siegel des Julianus präsentierte. Darin, so sagte er, sei der Kopf Elagabals. Macrinus war erleichtert. Der Aufstand schien überstanden. Als allerdings die komplizierten Knoten gelöst waren und das Paket geöffnet wurde, lag darin nicht der Kopf Elagabals, sondern der des vermeintlichen Absenders. Entsetzt erkannte der Kaiser seinen Prätorianerpräfekten Julianus und trat die Flucht zurück nach Antiochia an. Kaum war er fort, lief die Legio II Parthica zu den Rebellen über. Das Verhalten des Kaisers mochte die letzten Zweifel beseitigt haben.
Mit dem schwarzen Stein im Tross zieht der neue Kaiser aus dem Osten Richtung Rom
Mit zwei Legionen rückten Maesa und ihre Familie nun gen Antiochia vor. Die meisten Gouverneure der Region standen – wenn nicht treu, so doch abwartend – hinter Macrinus. Es galt, den Kaiser direkt anzugreifen und aus dem Spiel zu nehmen. Bei Immae trafen die beiden Heere schließlich aufeinander. Vermutlich war es Eutychianus, Elagabals Tutor, der die Rebellen anführte. Die beiden antiken Gelehrten Cassius Dio und Herodian sind sich uneins, ob die Rebellen oder Macrinus’ Loyalisten dabei das bessere Bild abgaben. Einig sind sie sich jedoch in der Frage, was die Schlacht letztlich entschied: Erneut ergriff Macrinus die Flucht. Die enttäuschten Zurückgelassenen streckten die Waffen und liefen über.
Während Elagabal als neuer Kaiser in Antiochia einziehen konnte, floh Macrinus durch Kleinasien – bis er verraten, ausgeliefert und enthauptet wurde. Als die Nachricht Elagabals Familie erreichte, machte sich Maesa im Namen ihres Enkels an eine begrenzte Säuberung der Spitzenämter im Osten. Anschließend begann der Weg nach Rom, der 13 bis 17 Monate dauern sollte. Der lange Zeitraum war keineswegs ungewöhnlich für einen neuen Kaiser, der sich der Unterstützung seiner Städte und Garnisonen versichern wollte. Teil des Trosses war der schwarze Stein aus Emesa, der Gott Elagabal, dessen Kult nach Rom transferiert werden sollte. In Nikomedia, wo man überwinterte, traten vermutlich erstmals Probleme zutage, die wenig später das ganze Reich beschäftigen sollten.
Maesa stellte fest, dass das Liebesleben ihres Enkels – konkret: passiver Sex mit Männern – Verärgerung und Verachtung hervorrief (bei Sex zwischen Männern konnte nach römischer Vorstellung nur derjenige seine Ehre behalten, der nicht penetriert wurde). Gleiches galt für Elagabals religiöse Radikalisierung, seine aufrichtige Hingabe an den Kult des schwarzen Steins. Maesa war es wohl, die seinem Tutor befahl, ihn zur Mäßigung aufzurufen. Elagabal geriet daraufhin so in Wut, dass er seinen Soldaten befahl, Eutychianus zu töten. Und als sie zögerten, stach er selbst zu.
Der Kaiser lebt exzessiv sexuelle Eskapaden aus
Vielleicht war Maesa schockiert, als sie feststellen musste, wie weit Elagabal ihrer Kontrolle entglitten war. Sie gab jedoch nicht auf und sprach nun selbst mit ihm. Diesmal waren ihre Bemühungen nicht gänzlich vergebens: Zwar weigerte sich ihr Enkel weiterhin, irgendetwas zu ändern; er ließ jedoch ein Gemälde anfertigen, das ihn im hohepriesterlichen Ornat zeigte, um es nach Rom zu schicken und die dortige Bevölkerung so auf seinen Anblick vorzubereiten.
Das Bild tat seine Wirkung. Einen Kaiser in fremdem Priestergewand hätte Rom wohl akzeptiert. Elagabal sollte nach seinem Einzug in Rom dennoch nicht lange brauchen, um alle Kräfte gegen sich aufzubringen, auf denen seine Macht ruhte.
Da war zum einen die Armee. Die Rebellen hatten ihm in Raphaneae die Treue geschworen, weil sie in ihm ihren alten Kameraden Caracalla zu erkennen glaubten. Aber sie bekamen keinen Krieger. Elagabal hatte nicht das geringste Interesse, martialisch aufzutreten und sich mit Soldaten gemein zu machen, geschweige denn, sich auf einen Feldzug zu begeben.
Zum anderen musste jeder Kaiser mit den Senatoren rechnen. Sie erwarteten, dass der Herrscher ihnen von gleich zu gleich gegenübertrat, ihre symbolischen Befugnisse respektierte und sie an der Staatsführung beteiligte. Elagabal dagegen beschäftigte sich tagein, tagaus in erster Linie mit seinem Kult, ausschweifenden Festen und sexuellen Eskapaden. Als begeisterter Zirkusbesucher umgab er sich mit Wagenlenkern und Athleten. Wer das Ohr des Kaisers hatte, der besaß Macht – und die Senatoren gehörten nicht dazu. Ähnlich erging es zahlreichen Funktionären am Kaiserhof.
Nur das Volk von Rom hätte eigentlich zufrieden sein können: Bei zahlreichen Anlässen ließ Elagabal beeindruckende Spektakel organisieren und große Geldsummen verteilen. Außerdem war es ganz nach dem Geschmack der einfachen Römer, wenn ein Kaiser des Nachts durch die Straßen streifte, Bordelle besuchte und Senatoren und Prätorianern die kalte Schulter zeigte.
Das Sexleben des Kaisers und der fremde Kult um den schwarzen Stein machten es jedoch unmöglich, dass Elagabal sich die Massen zum Freund machen konnte. Kaiser Caligula (reg. 37–41) hatte im Palast die Damen der Oberschicht gezwungen, sich zu prostituieren; das war ganz nach dem Geschmack des Volkes, das es liebte, wenn die Eliten vom Kaiser gedemütigt wurden. Auch Elagabal, so erzählte man sich, ließ im Palast ein Bordell einrichten. Dort prostituierte er sich allerdings selbst. Das tat er auch, wenn er Bordelle in der Stadt besuchte.
Cassius Dio berichtet, Elagabal habe auch mit Frauen viel Sex gehabt, allerdings nur, um dabei zu lernen, wie er besser die Position der Frau einnehmen könne, wenn er die passive Rolle beim Sex mit Männern übernahm. Von seinen Beziehungen zu Männern ist besonders die mit Hierocles bekannt, einem Wagenlenker, den er in einer großen Zeremonie heiratete, sich von ihm aber immer gerne dabei erwischen ließ, wenn er mit anderen Männern schlief. Die frumentarii, Agenten der Armee, durchkämmten unterdessen die Bäder der Stadt, um Männer mit großen Penissen ausfindig zu machen. Einer der Männer, die Elagabal zugeführt wurden, war der Athlet Zoticus aus Smyrna. Von der Begegnung zwischen Elagabal und Zoticus ist überliefert, dass Elagabal den Athleten aufforderte, ihn nicht mit „Herr“, sondern mit „Herrin“ anzusprechen. Denn Elagabal fühlte sich als Frau. So schreibt es zumindest Cassius Dio. Der Kaiser habe sich nach der Möglichkeit einer Kastration und der ärztlichen Herstellung einer Vagina erkundigt.
All das war in den Grenzen römisch-griechischer Sexualmoral allerhöchstens für Sklaven angemessen. Ein hoher Würdenträger konnte Geschichten dieser Art nicht überstehen. Für einen Kaiser waren sie ein halbes Todesurteil. Volk, Senat und Armee waren vereint in ihrer Verachtung.
Bei der Vorrangstellung Jupiters ziehen die Römer eine rote Linie
Was Elagabal endgültig in den Untergang führte, war aber seine religiöse Reform: Über den Gott Elagabal, manifestiert in dem schwarzen Stein, ist fast nichts bekannt, auch wenn Steinkulte zu dieser Zeit im Mittelmeerraum nicht selten vorkamen, besonders in der phönizischen Kultur. Sein Name bedeutet wohl „Berggott“, und Teil seines Kultes war die Sonnenverehrung. Sicher ist dagegen, welche Rolle der fremde Gott in Rom spielen sollte. Ihn nach Rom zu bringen, war nicht weiter ungewöhnlich. Für die Römer war es völlig normal, ihr Pantheon zu erweitern. Der Gott Elagabal sollte es jedoch anführen. Per kaiserlichem Beschluss wurde seine Verehrung der aller anderen Götter übergeordnet. Jupiter musste seinen Thron räumen. Das war ein Sakrileg, das in den Augen der meisten Römer die Sicherheit der Stadt in Gefahr brachte. Eine göttliche Bestrafung stand zu befürchten. Elagabal zeigte seine Gleichgültigkeit gegenüber den römischen Göttern und Gebräuchen auch dadurch, dass er in zweiter Ehe die Vestalin Julia Aquilia Severa heiratete. Die heilige Keuschheit der Priesterin interessierte ihn nicht.
Maesa, die spürte, dass sich etwas zusammenbraute, überredete Elagabal nun, seinen Cousin zum Caesar zu ernennen. Alexianus war beliebt; seine Mutter hielt ihn vom Kult Elagabals fern und sorgte für eine strikt römisch-griechische Erziehung.
Elagabal verstand, dass sein Cousin in die Lage versetzt werden sollte, ihn zu ersetzen. Seine vierte (eventuell sogar bereits seine siebte) Ehe war die erneute Heirat mit der Vestalin Aquilia, von der er sich zwischenzeitlich hatte scheiden lassen. Mit ihr wollte er göttliche Kinder zeugen, die Alexianus’ Ansprüche auf den Thron zunichte machen würden. Als die Cousins gemeinsam das Konsulat antreten sollten, ließ sich Elagabal nur mit Mühe überreden, an den notwendigen Zeremonien teilzunehmen – und bald darauf versuchte er, Alexianus umbringen zu lassen.
Elagabal wird gestürzt und erleidet ein blutiges Ende
Der Anschlag auf den Jungen ging nach hinten los. Beinahe wäre Elagabal selbst getötet worden. Die Prätorianer rückten dem Kaiser zu Leibe und zwangen ihn, zahlreiche in sein Sexleben involvierte Personen vom Kaiserhof zu verbannen. Wenig später ergriffen die Prätorianer endgültig die Initiative: Auf ein von Elagabal gestreutes Gerücht hin, das besagte, Alexianus liege im Sterben, verlangten sie, der Mitregent müsse zu ihnen in den Marstempel gebracht werden. Alles, was Rang und Namen hatte, zog nun zum Lager der Prätorianer. Auch der Kaiser selbst kam. Als die Nacht hereinbrach, rangen zwei Fraktionen um die Gunst der Prätorianer: Soaemias sprach für ihren Sohn Elagabal, Maesa wollte ihn stürzen. Und Maesa setzte sich durch.
Die Flucht Elagabals in einer Kiste wurde vereitelt. Als man ihn herauszog, klammerte sich seine Mutter verzweifelt an ihn. Beide wurden getötet und anschließend dem Volk vorgeworfen, das die Leichen durch die Straßen schleifte und in den Tiber warf. Alle, die loyal geblieben waren, wurden getötet, während Alexianus als Kaiser Severus Alexander (reg. 222–235) die Herrschaft antrat.
Elagabals Statuen wurden entfernt, sein Name auf Inschriften unkenntlich gemacht. Der schwarze Stein wurde zurück ins ferne Emesa geschickt, und Jupiter erhielt seinen Thron zurück. Nicht einmal Caligula und Nero hatten alle Teile der römischen Gesellschaft derart gegen sich aufgebracht, wie Elagabal es getan hatte. In den Augen der Zeitgenossen kehrte nun die Normalität zurück.
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