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Ein weiter Blick auf die Antike und das Meer
Geschichte & Archäologie

Ein weiter Blick auf die Antike und das Meer

Das Meer war für die Menschen der Antike allgegenwärtiger Bezugsrahmen – für Griechen und Römer das Mittelmeer, aber auch das Schwarze Meer und, was die Expeditionen von Phöniziern und Karthagern anging, der Atlantik. Der Autor, der Bielefelder Althistoriker Raimund Schulz, ist ein ausgewiesener Experte. Von ihm…
27. Oktober 2025
Lesezeit
2 Minuten
Rubrik
Geschichte & Archäologie

Wie es in der Einleitung heißt, möchte Schulz in dieser neuen Darstellung „übergreifende Erklärungszusammenhänge“ liefern und die „verschiedenen Ebenen maritimer Lebenswirklichkeit“ aufzeigen. Diesem Ziel dient ein weiter chronologischer Rahmen, der sich über gut 1000 Jahre, von Homer bis in die römische Kaiserzeit, erstreckt. Innerhalb dieses Rahmens werden in 15 Kapiteln prägende Phasen der antiken Geschichte in ihren maritimen Bezügen behandelt. Der Bogen reicht von Odysseus, der Polis, der griechischen Kolonisation, den Tyrannen, der Naturphilosophie, den Perserkriegen, der Demokratie sowie dem Peloponnesischen Krieg über Alexander den Großen und den Hellenismus bis hin zur römischen Republik und Kaiserzeit. Den Abschluss bildet ein übergreifendes Kapitel „Meer und Mentalitäten“.

Schulz schreibt durchgängig auf dem aktuellsten Stand der Forschung. Garniert sind seine Ausführungen mit zahlreichen neuen Erkenntnissen. Denn durch die Fokussierung auf den Komplex Meer gewinnen bekannte Phänomene der antiken Geschichte neue Facetten und Dimensionen. So erscheint, um nur einige Beispiele zu nennen, Odysseus nicht als Irrfahrer, sondern als Pirat. Die Demokratie der Athener war ohne deren Affinität zum Meer nicht denkbar. Und die Römer waren keine notorischen Landratten, die erst durch die Kriege mit Karthago zu Seefahrern wurden.

Über die politischen und militärischen Implikationen hinaus finden außerdem Themen wie Entwicklungen in der Schiffsbautechnik, der Nautik, der Navigation oder auch die geographische Erfassung fremder Welten Berücksichtigung. Mentalitätsgeschichtlich sind Passagen von Interesse, welche die Einstellung der Menschen zum Meer zwischen den Spannungspolen Ruhm, Reichtum, Abenteuerlust und Furcht vor dem Unbekannten dokumentieren. Darlegungen zum Meer in der Kunst, Literatur und Philosophie der Antike runden eine Darstellung ab, der es in beeindruckender Weise gelingt, auf relativ knappem Raum eine Gesamtschau dessen zu liefern, was „Meer“ in der Antike alles bedeuten konnte. Über 100 farbige Abbildungen bieten eine willkommene Ergänzung zum Text.

Dürfte man nachträglich eine Wunschliste formulieren, so wäre ein Start mit den kretischen Minoern, die im 2. Jahrtausend v. Chr. das Mittelmeer beherrschten, nicht von Nachteil gewesen. Die römische Kaiserzeit kommt etwas zu kurz, auch wenn der Autor hier der interessanten Frage nachgeht, warum die Römer nicht zu den Entdeckern Amerikas wurden. Und schließlich weiß das Buch nicht so recht, für wen es geschrieben sein will. Für die akademische Welt spricht eine gelegentlich etwas sperrige gelehrte Diktion („es bleibt zu prüfen …“, „wir fassen zusammen“), für ein breiteres Publikum das lobenswerte Bemühen um Klarheit und Transparenz etwa durch das Einstreuen einprägsamer Infokästen, die grundlegende Sachverhalte erläutern.

Rezension: Prof. Dr. Holger Sonnabend

Raimund Schulz
Die Antike und das Meer
Von Händlern, Söldnern und Piraten
Verlag wbg Theiss, Freiburg im Breisgau 2024, 224 Seiten, € 40,–

AntikeMeerSchulz

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