Während der NS-Zeit wurden auch viele Ärzte und Wissenschaftler im Medizinbereich zu Tätern: Sie führten teils grausame Menschenversuche an Kriegsgefangenen, Insassen von Konzentrationslagern und Gefängnissen oder von psychiatrischen Anstalten durch. Während die Medizinversuche von Tätern wie dem KZ-Arzt Josef Mengele heute weltweit bekannt und geächtet sind, blieben andere Menschenversuche sowie die Profiteure von nationalsozialistischen Deportationen und Massentötungen lange unerkannt. So wurden viele Gewebeproben von Opfern solcher Tests oder von Tötungen in wissenschaftliche Institute gebracht und dienten dort der medizinischen Forschung – auch noch lange nach 1945.
Daten von mehr als 25.000 Opfern der NS-Menschenversuche
„Die Geschichte zeigt uns, wozu Menschen fähig sein können, wenn ein autokratischer Staat ein geltendes humanitäres Wertesystem zugunsten von Rassenideologie und Fanatismus negiert“, sagt Patrick Cramer, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG). „Auch die Wissenschaft muss sich daran erinnern und auf die ethischen Leitlinien besinnen; heutige hochspezialisierte Wissenschaft darf den Menschen nicht aus dem Blick verlieren.“ Deshalb haben die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und die Max-Planck-Gesellschaft eine Datenbank erstellt und veröffentlicht, die die Opfer solcher Menschenversuche in den Mittelpunkt stellt.
Die neue Datenbank umfasst rund 16.000 Profile von Menschen, die im Nationalsozialismus Opfer erzwungener medizinischer Forschung wurden. Sie enthält zudem Daten zu mehr als 13.000 Opfern solcher Versuche, deren Schicksale noch nicht abschließend beforscht sind. Grundlage für diese Datenbank sind Forschungen des Medizinhistorikers Paul Weindling und seinem Team an der Oxford Brookes University in England. „Bisher war die Zahl der Forschungsopfer häufig spekulativ und ihre Identität nicht geklärt“, so Weindling. „Wir haben versucht, alle Opfer zu erfassen, ihre Biografien zu rekonstruieren – und jetzt sind mehrere zehntausend Personen verschiedener Opfergruppen in der Datenbank zu finden.“ Aber auch Daten von Verantwortlichen und Institutionen der Zwangsforschung sind erfasst.
Einblick auch in NS-Hirnforschung
„Es gibt damit zum ersten Mal eine empirische Grundlage und eine systematische Darstellung der NS-Zwangsforschung und des verursachten Leids“, sagt Weindling. Neben Opfern der Menschenversuche in den Konzentrationslagern oder in der Psychiatrie sind in der Datenbank auch die Getöteten erfasst, deren Gehirne und Hirngewebe von Wissenschaftlern der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWI) – der Vorgängerin der heutigen Max-Planck-Gesellschaft – gesammelt, untersucht und aufbewahrt wurden. „Die Hirnforschung war fester Bestandteil der Zwangsforschung im Nationalsozialismus, viele Opfer wurden bisher aber übersehen“, erklärt Weindling. „Man hat die Opfer der Euthanasie gesehen, aber nicht die Militäropfer oder die der deutschen Besatzung, denn diese wurden erst nach ihrem Tod zu Forschungsopfern.“
Erst die systematische Erforschung der Autopsieberichte, Herkunft der Proben und Opfer hat die Zusammenhänge aufgedeckt. „Es gab ein Netzwerk williger Unterstützer. Militärpathologen, die nach der Autopsie eines Körpers Gehirne ausgewählt und an die medizinische Militärakademie in Berlin geschickt haben“, berichtet Weindling. „Diese hat die Gehirne weitergeleitet an das KWI für Hirnforschung.“ Auch Psychiatrie, Gefängnisse, Lager und andere Einrichtungen, lieferten den Hirnforschern Material. Dieses stammte einerseits von Ermordeten, andererseits von Menschen, an denen zuvor medizinische Zwangsversuche durchgeführt worden waren. „Es gab zum Beispiel in Kaufbeuren Tbc-Impfstoffforschung. Es waren Kinder aus Südtirol, die für die Impfstoffforschung missbraucht wurden“, berichtet Weindling. Nach dem Tod dieser Kinder wurden Gehirnpräparate und weitere Leichenteile an Forschungsinstitute geschickt.
Was die Datenbank enthält
„Wir können mit unserem historischen Erbe nur dann verantwortungsvoll umgehen, wenn es geschichtswissenschaftlich erforscht worden ist und weiter erforscht wird. Dies verdanken wir vor allem den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die die Geschichte der Gewebeproben, ihrer Gewinnung, Konservierung und wissenschaftlichen Nutzung umfassend erforscht haben“, sagt Bettina Rockenbach, Präsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Die nun veröffentlichte Online-Datenbank hat ein mehrstufiges Zugangskonzept: Namen und Lebensdaten der Opfer sind öffentlich einsehbar, womit die Datenbank ihrer wichtigen Funktion als Gedenkplattform nachkommt. Ausgewählte Biografien beleuchten das Schicksal einzelner Betroffener. Auch Informationen zu einzelnen Experimenten und den beteiligten Institutionen bereitgestellt. Eine interaktive Karte gibt Aufschluss über das Ausmaß und die geografische Verteilung der Verbrechen.
Weitere sensible Daten zur Kranken- und Verfolgungsgeschichte der Opfer sind hingegen nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Wer für Forschungs- oder Recherchezwecke umfassende Einsicht in alle hinterlegten Daten erhalten möchte, kann jedoch über ein Kontaktformular auf der Website einen Zugang beantragen. Angehörige können auf Antrag den gesamten Datensatz ihres Familienmitglieds erhalten. Die Datenbank ist in englischer Sprache veröffentlicht und hier abrufbar: https://ns-medical-victims.org/
Quelle: Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina





