Das Tagebuch wurde kürzlich bei einer Auktion in Berlin ersteigert. Die Aufzeichnungen geben Aufschluss über das Leben des Kasseler Kurfürstenhauses zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Das Dokument liefert ein umfangreiches persönliches Portrait einer Frau aus dem Hochadel und schildert lebendig die Lebens- und Gedankenwelt Augustes, die sich im Laufe der Ehe in Opposition zu ihrem Mann, Kurfürst Wilhelm II., begab. Es gib zudem tiefe Einblicke in das Beziehungsgeflecht wichtiger Adelsfamilien dieser Zeit und das in diesen Kreisen gepflegte Verständnis von Ehe und Familie. Und es enthält interessante Reiseschilderungen einer adligen Touristin.
Glücklose Ehe mit dem Kurfürsten
Auguste (1780-1841), preußische Prinzessin und Tochter des preußischen Königs Friedrich Wilhelms II., seit 1797 verheiratet mit Wilhelm II. (1821-1847, Landgraf und Kurfürst in Kassel), hält in ihrem Tagebuch neben privaten Reisenotizen auch Schilderungen politischer Ereignisse fest.
Ihre Ehe mit Wilhelm ist glücklos: Dieser lebt seit 1812 in einer festen Beziehung mit Emilie Ortlöpp, seit 1821 Gräfin Reichenbach. 1815 schließen die Eheleute einen geheimen Trennungsvertrag, einer Scheidung widersetzt Auguste sich vehement. Von 1826 bis 1827 lebt sie unter anderem in Den Haag, Koblenz und Bonn. 1828 geht sie nach Fulda, wo sie bis zu ihrer erneuten Rückkehr nach Kassel 1831 lebt. Hier stirbt sie im Jahre 1841 in ihrem 61. Lebensjahr.
Im ersten Teil enthält das Tagebuch Schilderungen ihrer Reisen durch Mitteldeutschland in den Jahren 1829 bis 1835, im zweiten finden sich ausführliche Berichte über eine Schweiz-Reise im Frühjahr/Sommer 1835. Den Schluss bilden kurze Notizen zum Aufenthalt Augustes in Kassel im Winter 1835 und ein Gedenken an ihre am 28. Januar 1836 verstorbene Freundin Marie von Clausewitz. Des Weiteren enthält das Tagebuch Gouachen von Blumen und historische Notizen in Englisch, Italienisch und Französisch.
Das Tagebuch spiegelt vor allem wider, welch große Bedeutung familiäre Bindungen für Auguste hatten und wie komplex das Beziehungsgeflecht der kurfürstlichen Familie um 1830 gewesen sein muss. So dokumentiert der Text die enge Bindung der Kurfürstin zu ihrer jüngsten Tochter Marie von Sachsen-Meiningen, in deren Sommerresidenz Altenstein sie oft wochenlang zu Besuch war, ebenso wie das äußerst gespannte Verhältnis zu ihrem Sohn Friedrich nach dessen Heirat mit der geschiedenen Gertrude Lehmann.
Als frühe Touristin unterwegs
Historisch interessant sind vor allem die detaillierten Schilderungen der politischen Unruhen im Kasseler Winter 1830/31, die, obwohl sie sich zu diesem Zeitpunkt in Fulda aufgehalten haben muss, den Eindruck erwecken, als ob sie diese vor Ort miterlebt habe. Kulturgeschichtlich aufschlussreich dürften die Schilderungen auch unter zwei weiteren Aspekten sein: Auguste war eine frühe Touristin, das Buch enthält detailreiche Schilderungen ihrer Eindrücke auf Reisen und bei Ausflügen durch Mitteldeutschland und die Schweiz. Daneben geben die Notizen Aufschluss über Auguste in ihrer Rolle als adelsstolze preußische Prinzessin und Kurfürstin auf dem Abstellgleis, über gesellschaftliches Leben in Fulda, Kassel und am Meininger Hof und weibliches Statusbewusstsein im Umgang mit Adeligen, Militär und Bürgerlichen.





