Als Heinrich VIII im Jahr 1509 den englischen Thron bestieg, war die Aufrüstung der Flotte eines seiner dringlichsten Ziele. Dafür gab er unter anderem den Bau einer 45 Meter langen Karacke in Auftrag – eines Dreimast-Segelschiffs, das zu den größten dieser Zeit gehörte. Man schätzt, dass für den Bau dieses Kriegsschiffs das Holz von rund 600 Eichen benötigt wurde, sie wurden aus ganz Südengland herbeigeschafft. Im Jahr 1511 war es dann soweit: Die “Mary Rose” hatte in Portsmouth ihren Stapellauf und wurde dann zum Feinausbau und zur Ausrüstung mit Waffen nach London gebracht.
Tragisches Ende eines Flaggschiffs
Ab 1512 diente die “Mary Rose” in mehreren Seeschlachten als Flaggschiff der englischen Flotte und wurde im Verlauf ihrer Nutzung mehrfach umgebaut und mit neuen Kanonen ausgerüstet. Doch 1545 traf sie ein rätselhaftes Unglück: Während der Seeschlacht im Solent gegen die Franzosen bekam das Schiff plötzlich starke Schlagseite und Wasser strömte durch die offenen Kanonenluken ein. Bevor die Mannschaft begriff, was geschah und sich retten konnte, sank das Kriegsschiff auf den Grund des Meeres, mit ihm starben 90 Prozent der rund 400-köpfigen Besatzung. Dank einer schützenden Lehmschicht, die sich schon bald über das Wrack legte, blieben die Überreste des Schiffs bis heute erhalten.
Im Jahr 1982 gelang es Archäologen, einen Großteil des Schiffswracks vom Meeresgrund zu heben, zudem bargen die Forscher mehr als 19.000 Fundstücke – Teile der Ladung, der Waffen und persönliche Besitztümer der Besatzung. Sie geben einen einzigartigen Einblick in das Leben an Bord eines Kriegsschiffs zur Zeit der Tudor-Könige. Unter den Funden sind Waffen wie Langbögen, aber auch Musikinstrumente, Werkzeuge eines Tischlers, das Arbeitsgerät eines Barbiers und auch Spielfiguren und Trinkgefäße.

Kettenhemden aus verblüffend modernem Messing
Ganz neue Einblicke in die Rüstung der ehemaligen Schiffsbesatzung haben nun Archäologen mithilfe modernster Analysetechnologien gewonnen, darunter speziellen Spektroskopiemethoden, Fluoreszenzanalysen und Untersuchungen in einem Röntgensynchrotron. Mark Dowsett von der University of Warwick und sein internationales Team untersuchten damit unter anderem einige Metallstücke, die wahrscheinlich einst zu Kettenhemden der Soldaten gehörten.
Die Analysen enthüllten, dass diese ringförmigen, teilweise abgeflachten Kettenglieder aus einer Legierung aus 73 Prozent Kupfer und 27 Prozent Zink bestanden – die Kettenhemden waren demnach aus Messing. “Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass die Messingproduktion zur Zeit der Tudors ziemlich ausgefeilt war und dass sie das Drahtziehen schon gut beherrschten”, berichtet Dowsett. “Ich war überrascht, wie einheitlich der Zinkgehalt der verschiedenen Kettenringe war. Diese Legierung hatte eine ziemlich moderne Zusammensetzung.”





