Auf insgesamt einschlägigen 6000 Blättern hat Leonardo unablässig Zahnräder, Scharniere, Schraubengewinde, Pumpen und Werkzeugmaschinen aller Art und in allen nur denkbaren Kombinationen zu Papier gebracht, zum Entzücken aller gewieften Laubsägentüftler, Drehbankkreativen und Schraubstockvernarrten. Ist Leonardo also der Schutzheilige aller Hobbybastler, anrufbar in sämtlichen Verfugungs- und Verlötungsnöten sowie Leimkalamitäten, der gute Geist, der über allen Baumärkten waltet, Archetypus aller Daniel-Düsentrieb-Forscher, die wie er ewig auf der Suche nach der Machbarkeit des scheinbar Unmöglichen sind? Leonardo, der Erste Ingenieur der Menschheit, der erste Naturwissenschaftler im eigentlichen Wortsinn, der erste Sezierer der Natur im allgemeinen und des Menschenleibs im besonderen – ist diese Kennzeichnung eigentlich richtig? Solche Etikettierungen der Superlative sind in der Forschung nicht unwidersprochen geblieben. Ja extrem gegensätzliche Urteile stehen im Raum: Leonardo, der Formelverächter und Theorie-Ignorant, nicht einmal auf der Höhe des – eher bescheidenen – mathematischen Wissens seiner Zeit, frei spekulierender Träumer, stärker rückwärtsgewandt als vorwärtsdrängend. Auch diese Einschätzung scheint manches für sich zu haben. So fehlen in Leonardos medizinisch so exakt anmutenden anatomischen Zeichnungen bei näherem Hinsehen wichtige Organe. Mehr noch: die Aufgliederung von Blutgefäßen und anderen Körperteilen folgt einem Ordnungsschema, das nicht auf dem Autopsietisch gesehen, sondern aus der inneren Schau, ja der Vorstellungskraft des Philosophen-Künstlers geschöpft wurde. Was die technischen Zeichnungen betrifft, so sind viele von ihnen gleichfalls aus der puren Einbildungskraft geboren, science-fiction ganz besonderer Art oder noch genauer: phanta-scienza, ganz abgesehen von der Unmöglichkeit ihres Existierens bzw. Funktionierens in vielen Fällen. Gerade weil alle Leonardo-Mythen und Gegenmythen auf seine Unzeitgemäßheit hinauslaufen, sollte man ihn so weit wie möglich aus seiner Zeit verstehen – und damit in seiner Eigenart und Andersartigkeit. Diese gehört ihm zum einen unbestreitbar allein, zum anderen ist sie Teil seiner Epoche, ihres Zeitgeistes, von deren Mentaltitäten und Weltbildern uns Welten trennen. Dieser Aussage hätte Leonardo im übrigen voll zugestimmt – seine Sicht der Welt ist durch Bewegung, alles beherrschenden Wandel, auch der Sprache und der Ideen, geprägt. Leonardos Blätter sind somit Weltbefragungen mit dem Zeichenstift, Ausdruck einer praktischen Philosophie und philosophischen Praxis, welche die vorher niedrig eingestuften “mechanischen Künste” entschieden aufwertet. Die damit einhergehende Lobpreisung der “sperienza”, der Erfahrung, Anschauung, Beobachtung und nicht zuletzt der bildlichen Darstellung bedeutet methodisch keine Verweigerung von abstrakter Reflexion, sondern im Gegenteil eine komplexe Vermischung von beidem, in jedem Fall aber eine Verherrlichung von Leonardos Metier als Ingenieur: Allein die von ihm in dieser Eigenschaft vorgenommene Bündelung von Theorie und Praxis vermag die Geheimnisse der Natur zu ergründen, ihre Gesetze zu erkennen und sie auf diese Weise zumindest ansatzweise zu beherrschen. Herrschaft über die Natur aber bedeutet Herrschaft über den Menschen, der Teil und Instrument der Natur ist. Diese hervorstechende Attraktivität seiner Kunst hat Leonardo in seinem berühmten “Bewerbungsschreiben” von 1482/83 an Ludovico il Moro, de jure Onkel des nominell regierenden Herzogs von Mailand, Gian Galeazzo Sforza, de facto Herrscher der Lombardei, allerdings im Zwielicht der Illegitimität, hervorgehoben. In diesem Selbstpräsentationstext sind neun von zehn Hauptqualifikationen dem Bereich Militäringenieurwesen und -technik zuzuordnen; erst ganz am Schluß erwähnt Leonardo seine Fertigkeiten im Bereich der bildenden Künste im allgemeinen und darüber hinaus seine Fähigkeit, Ludovicos Lieblingsprojekt, das Reiterdenkmal seines Vaters Francesco Sforza, zu verwirklichen. Erworben hatte Leonardo diese Breitbandkenntnisse ab etwa 1470 in der Werkstatt des Florentiner Meisters Andrea del Verrocchio. Hier wurde viel praktiziert und experimentiert, vom Bronzestandbild über die Malerei bis zu reinen Ingenieurtätigkeiten. Die Lehrzeit in diesem Ambiente dürfte in Leonardos “Textualität”, in der Gestaltung seiner berühmten Niederschriften tiefe Spuren hinterlassen haben: Mit ihrem unablässigen Wechsel von Bild und Text, aber auch von einem Thema zum anderen sind und bleiben sie Berichte aus einer ganz besonderen Werkstatt – Leonardos unruhigem, bohrendem Geist. Bildungs-Eindrücke aber stehen auch negativ zu Buche. Der 1452 als unehelicher Sohn eines Notars und eines Bauernmädchens bei Vinci in der Nähe von Florenz geborene Leonardo hat sie in die zugleich bitterernste und ironische, Über- wie Unterlegenheitsgefühle gleichermaßen wiedergebende Formel eingebracht, ein “Mann ohne Bildung” (“uomo sanza lettere”) zu sein, will sagen: ohne humanistische Ausbildung, das heißt ohne sorgfältig anstudierte Kenntnisse in lateinischer Grammatik und Rhetorik, Moralphilosophie, Geschichtsschreibung und Poesie. Speziell die ungenügende Meisterung der klassischen Sprache Ciceros war in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ein Handicap für sozialen Aufstieg, wurden die führenden Humanisten doch nicht müde, die Beherrschung des Lateinischen mit intellektueller Potenz schlechthin, mit Sittlichkeit, Verantwortungsbewußtsein, ja “humanitas”, Menschsein im höheren Verständnis von Vervollkommnung und Würde schlechthin, gleichzusetzen. Bei allem stolzem Bewußtsein, sein Wissen aus tieferen Quellen, nämlich der Natur selbst zu schöpfen, wird der Nicht-Humanist Leonardo, der sich mit seinem Menschen- und Naturbild zum entschiedenen Anti-Humanisten entwickelt, doch lebenslang um elementares humanistisches Rüstzeug ringen…





