Wer heute ein Wohnhaus bauen will, sucht ein Grundstück, beauftragt einen Architekten mit dem Entwurf, beantragt beim Bauamt dessen Genehmigung und lässt den Architekten die Bauarbeiten beaufsichtigen, bis das Haus fertig ist. Wer in einigen hundert Jahren wissen will, wie man heute gebaut hat, der wird – mit etwas Glück – den Architektenvertrag, die Baupläne mit dem Genehmigungsvermerk, vielleicht sogar die Handwerkerrechnungen finden. Die Finanzierung erfolgt über eine Bank. Auch für das 17. bis 19. Jahrhundert sind häufiger zumindest Baupläne, Verträge und Rechnungen erhalten geblieben, gelegentlich gilt dies sogar für die Renaissance. Aus dem hohen Mittelalter kennen wir das nicht, oft nicht einmal aus dem späten Mittelalter. Viel wurde daher spekuliert, wie man eine Burg gebaut haben könnte. Manches lässt sich bei genauer Beobachtung an den Bauwerken ablesen, etwa Fragen zur Bautechnik, anderes aber nicht.
Wo konnte eine Burg gebaut werden? Burgen stehen am Rand von Siedlungen oder allein in der Landschaft, im flachen Gelände, an Hängen oder auf Bergkuppen. Die Frage, wo eine Burg gebaut werden sollte, hängt mit ihrer Aufgabe zusammen. Der Burgenbau war im 10. Jahrhundert das alleinige Recht des Königs; mit ihm konnte er hochstehende Adlige, Bistümer und Klöster belehnen, was seine unmittelbare Macht zwar reduzierte, die Zahl der von ihm abhängigen Adligen und eventuell auch seine Einnahmen aber erhöhte. Der hohe Adel konnte seinerseits niedrigere Adlige mit dem Recht zum Burgenbau belehnen; Klöster und Bischöfe beauftragten Vögte als Verwalter ihres weltlichen Besitztums und Herrschaftsgebiets. Die Burg war ein Zeichen der Herrschaft, aber auch ein unmittelbarer Schutzfaktor für deren Erhalt. Man baute sie nahe den von ihr zu verwaltenden Besitzungen, also bei Dörfern oder Städten, an Wegen und besonders an Pass- oder Flussübergängen sowie in der Nähe von Zollstellen. Bis zum 11. Jahrhundert wurden die meisten Burgen im Tal erbaut, danach ist eine „Höhenwanderung“ zu beobachten, das heißt, man verlegte den Burgenstandort aus dem Siedlungsbereich auf eine nahe gelegene Höhe über der Siedlung. Damit folgte man einem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis, zudem waren die Burgen besser zu sehen und konnten den Herrschaftsanspruch deutlich nach außen hin zeigen.
Zur Finanzierung einer landesherrlichen Burg konnte der Fürst auf eingenommene Steuern und Zölle zurückgreifen oder aber Besitztümer gegen Geld verpfänden. Er konnte auch einen Adligen mit einer Burgstelle belehnen, damit dieser die Burg ausbaute. Abhängige Adlige mussten sich entweder Geld leihen oder konnten die Burg mit den Abgaben finanzieren, die sich aus den zu ihr gehörenden Grundflächen, Bauernhöfen oder Wirtschaftsbetrieben ergaben. Oft genug war die Beschaffung der Finanzmittel schwierig, und die Arbeiten auf mancher Baustelle dürften immer wieder ins Stocken geraten sein.
Ein geeigneter Bauplatz sollte sicher sein und dennoch gut erreichbar bleiben, was immer zu Kompromissen führen musste. Wasserburgen mussten an einer Stelle eine Brücke erhalten und möglichst fern von höheren Hügeln liegen. Burgen an Berghängen nutzten möglichst steil abfallende Hänge zur Sicherung und wählten oft einen ebenen Zugang vom Hang her. Das gilt auch für Burgen auf Bergrücken, die selten den gesamten Berg einnahmen, sondern fast immer nur seine Spitze. Dadurch ergab sich der ebenerdige Zugang, zugleich aber auch eine Angriffsseite, die besonders zu schützen war. Dies erfolgte durch die Anlage eines tiefen Halsgrabens, den man zwischen Hang und Burg aushob und dessen Steinmaterial man zugleich beim Bauen einsetzen konnte. An dieser Schwachstelle – von der Bergseite her konnte eine Hangburg manchmal sogar von außen überblickt werden – befand sich oft das Burgtor, das daher besonders aufwendig zu sichern war. Hier plazierte man den Hauptturm (den man seit dem 19. Jahrhundert Bergfried nennt), von dem aus man die Verteidigung durch Hornsignale steuern und weit in die Landschaft blicken konnte; durch seine Höhe diente er zudem der Repräsentation. Manche Bauherren leisteten sich sogar mehrere Bergfriede, um Vorburg und Kernburg getrennt zu sichern.





