In der Zeit von 1200 vor bis 100 nach Christus dominierten in der Toskana und benachbarten Regionen die Stadtstaaten der Etrusker. Diese bis heute rätselhafte Kultur unterschied sich in ihrer Kunst, Sprache und auch in ihren religiösen Gebräuchen von den Menschen der umliegenden Regionen. Die Herkunft und der Ursprung der etruskischen Kultur waren lange unklar, inzwischen legen DNA-Analysen von Toten aus etruskischen Nekropolen aber nahe, dass sie nicht durch Einwanderer begründet wurde, sondern sich wahrscheinlich vor Ort entwickelt hat. Die ab 600 vor Christus zum Zwölfstädtebund zusammengeschlossenen Etruskerstädte Mittelitaliens gehörten in vorrömischer Zeit zu den wichtigsten urbanen Zentren des Landes.

Neuer Fund im zweiten Tempel der Etruskerstadt Vulci
Eine dieser Etruskerstädte ist das antike Vulci in der italienischen Region Latium. Dort führen Archäologen der Universitäten Mainz und Freiburg seit dem Jahr 2020 im Rahmen des Projekts “Vulci Cityscape” Ausgrabungen durch, um die urbane Struktur der etruskischen Stadt zu erforschen. Im Jahr 2022 entdeckte das Team dabei einen zweiten monumentalen Tempel in der Nähe des Tempio Grande in Vulci. „Der neue Tempel hat ungefähr die gleichen Abmessungen und eine ähnliche Ausrichtung wie der benachbarte Tempio Grande, der zeitgleich in archaischer Zeit erbaut wurde“, erklärt Mariachiara Franceschini von der Universität Freiburg. Die beiden Tempel bilden eine Art Sakralquartier an zentraler Stelle des Stadt-Plateaus. Eine solche Dopplung von Monumentalbauten in einer etruskischen Stadt sei selten und spreche für die Bedeutung der Stadt Vulci in etruskischer Zeit, so die Archäologen.
Jetzt berichten Franceschini und ihre Kollegen von einem neuen Fund in Vulci: Bei weiteren Ausgrabungen im Bereich des zweiten Tempels der Etruskerstadt ist das Team auf den Kopf einer weiblichen Marmorstatue gestoßen. Dargestellt ist eine knapp unterlebensgroße junge Frau mit aufwendig gestalteter Frisur und einem Diadem im Haar. Der Kopf gehörte einst zu einer sogenannten Kore, einem Skulpturentypus, der traditionell junge, aufrechtstehende Frauen in aufwendig gestalteter Kleidung zeigte und als Weihgabe oder Grabmonument diente, wie die Archäologen erklären. Dies sei ein äußerst seltener Fund, denn aus dem Fundgebiet seien bisher nur eine Handvoll Skulpturen bekannt, von denen keine in vergleichbar herausragender Qualität erhalten ist.
Frauenskulptur stammte aus Griechenland
Doch das ist noch nicht alles: “Neben der bildhauerischen Qualität besticht der Kopf durch seine einzigartigen Details, die sich in der Form nicht oder nur sehr selten finden lassen und die Kore zu einem ganz besonderen Fund machen”, erklärt Paul Pasieka von der Universität Mainz. Selbst Reste der antiken Bemalung seien erhalten. Diese Details verraten, dass die wahrscheinlich zu Beginn des 5. Jahrhunderts erstellte Skulptur auffällige Ähnlichkeiten zu den Koren der Athener Akropolis zeigt. Offenbar war die Frauenstatue demnach keine Eigenproduktion der Etrusker von Vulci, sondern ein Import aus Griechenland. “Wir gehen von einer attischen Produktion aus, die nach Etrurien exportiert wurde”, sagt Franceschini.
Nach Ansicht der Archäologen legt dieser ungewöhnliche Fund damit nahe, dass Griechen und Etrusker vor 1600 bis 1500 Jahren in engerem kulturellen Austausch standen als zuvor angenommen. “Die Wende vom 6. zum 5. Jahrhundert v. Chr. war eine Zeit intensiver Aktivität und kultureller Blüte in Griechenland wie auch in Etrurien,” sagt Franceschini. Davon zeugten bisher vor allem Funde von zahlreichen bemalten griechischen Vasen in Etrurien. Der Fund der Kore leg nun nahe, dass die Etrusker sogar ganze Skulpturen aus Griechenland importierten. “Wir bekommen durch diesen Fund ein ganz neues Bild der kulturellen Verflechtung”, so die Archäologin weiter. Sie und ihr Team vermuten, dass die Kore im Zusammenhang mit dem Bau des zweiten Monumentaltempels von Vulci in die Etruskerstadt gebracht wurde.
Weitere Erkenntnisse zu den Beziehungen zwischen den Etruskern und Griechen und der Rolle der Frauenstatue erhoffen sich die Forschenden von künftigen Ausgrabungen im Bereich des neuen Tempels von Vulci. Daneben werden mit modernsten Methoden Struktur und Entwicklung der Stadt großflächig untersucht.
Quelle: Johannes Gutenberg-Universität Mainz





