Der Wetterbericht vom Mittwoch, dem 14. Februar 1962, verzeichnete das Einströmen polarer Kaltluftmassen zwischen einem Island-Tief und einem Azoren-Hoch in die Norddeutsche Bucht bei Windstärke sechs. Am Donnerstag, dem 15., verstärkte sich das Tief bereits zu einem Sturm mit Windstärke neun: „Vincinette“, so sein Name, drehte auf Ost und drückte gegen die nordfriesische Küste. Gegen 21 Uhr brachte Radio „Norddeich“ eine erste Sturmwarnung. Während des ganzen Freitags schwoll der Sturm zum Orkan an – drehte auf Südost und preßte mit unheimlicher Gewalt die bereits aufgestauten Wassermassen in die Elbmündung.
Dort, wo man seit jeher mit Ebbe und Flut lebt, unmittelbar hinter den Deichen, wußte man Pegelstände einzuschätzen. Es war 21.28 Uhr, als der automatische Pegel in Cuxhaven ausfiel: Bei 3,2 Meter über Normalnull (NN) war er stehengeblieben. Fortan konnte er nur noch von Hand gemessen werden. Zwölf Minuten später stand die Flut dicht unter den Deichkronen. Cuxhaven gab mit Luftschutzsirenen Katastrophenalarm. Gegen 21.53 Uhr brach der erste Deich. Eine knappe Stunde später wurde auch auf der anderen Seite der Elbmündung in Brunsbüttel Katastrophenalarm ausgelöst. Zu dieser Zeit war der alte Hafen in Cuxhaven schon in den Fluten versunken: Jetzt drohte der Deich auf 1000 Metern Länge überspült zu werden. Um 22.53 und noch einmal um 23.13 Uhr wurde über alle zur Verfügung stehenden Radiosender auf den Ernst der Lage hingewiesen: „Für Cuxhaven besteht Deichbruchgefahr. Die Bevölkerung wird dringend gebeten, die höheren Stockwerke aufzusuchen. Sagen Sie bitte ihren Nachbarn Bescheid.“ Solch klare Worte gab es in Hamburg nie – aber 315 Tote.
Über das Ausmaß der Gefährdung waren sich 100 Kilometer weiter landeinwärts nur diejenigen im klaren, die von Berufs wegen ständig mit der Nordseeküste in Verbindung standen. Freilich hatte auch die Bevölkerung der Hansestadt an diesem 16. Februar wahrgenommen, daß ein Sturm über Norddeutschland hinwegfegte. Den ganzen Tag über war die Feuerwehr damit beschäftigt gewesen, abgebrochene Äste und herabgestürzte Dachziegel zu beseitigen. Doch daß dem Sturm eine Flut folgen würde, die ein Fünftel ihrer Stadt in eine Wasserwüste verwandelte, erschien den meisten Hamburgern unvorstellbar. Die Meteorologen im Deutschen Hydrographischen Institut hingegen hatten schon bei ihrer Frühberatung am Freitag morgen den Ernst der Lage erkannt. Was sie auf den Dienstweg schickten, erreichte die nachgeordneten Stellen unverzüglich. Schon um zehn Uhr löste die Hauptabteilung Wasserwirtschaft den „Alarmplan zur Sicherung der Wehrdeiche bei Sturmfluten“ aus, dem zufolge gleich eine entsprechende Einsatzstelle eingerichtet werden sollte. Um 11.33 Uhr war auch die Feuerwehr im Ausnahmezustand. Dank eines im Dezember 1961 eingerichteten Warn‧systems samt Katastrophenplan funktionierte die Übermittlung wichtiger Informationen reibungslos. Danach galt ab einem Wasserstand von 2,50 über NN Alarmstufe II, spätestens bei Alarmstufe III waren alle nur denkbaren Organisationen vom Technischen Hilfswerk (THW) über die Wasserschutzpolizei bis hin zu Pionier-Bataillonen der Bundeswehr und Sandlieferanten in den Katastrophenplan eingebunden. Nur: Die Aufmerksamkeit dieses Apparats war ganz auf die Sicherung der Deichanlagen gerichtet, einen Plan zur Evakuierung von Menschen gab es nicht.





