Die Keilschrift war das verbreitetste Schriftsystem des Alten Orients. Um 3200 v. Chr. von den Sumerern im südlichen Mesopotamien, dem heutigen Irak, erfunden, wurde sie bald auf eine Vielzahl von Sprachen übertragen, von denen die bedeutendsten das Babylonisch-Assyrische und das Hethitische waren. Sie war eine Mischung aus Silben- und Wortschrift mit mehreren hundert Zeichen. Die Macht der Keile war so groß, daß sie noch der im 6. Jahrhundert v. Chr. entwickelten altpersischen Keilschrift die äußere Form gaben, obwohl sich die Schriftstruktur – eine Mischung aus Silbenschrift und Alphabet – grundlegend gewandelt hatte. Die altpersische Schrift überlebte das Achämenidenreich nicht, und die babylonische Keilschrift wurde um die Zeitenwende mehr und mehr von den aramäischen und griechischen Alphabeten abgelöst. Die griechischen und römischen Schriftsteller berichten zwar einiges über das Nachleben der babylonischen Kultur, an keiner Stelle wird jedoch eindeutig die Keilschrift erwähnt. Auch das Alte Testament und das islamische Mittelalter schweigen seltsamerweise völlig über die Keilschriften, obwohl sie zweifellos bemerkt worden sein müssen.
So war die Keilschrift spätestens seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. verschollen – bis im 17. Jahrhundert die ersten europäischen Reisenden noch recht undeutliche Kunde von ihr nach Europa brachten. Wie unklar man sich zunächst über den Charakter des Gesehenen war, zeigten erste Vermutungen, es handele sich gar nicht um eine Schrift, sondern bloß um Zahlzeichen, Verzierungen oder gar von Würmern oder Insekten gegrabene Löcher. Erst als Carsten Niebuhr 1761 bis 1767 seine große Orienterkundungsreise unternahm und im zweiten, 1778 erschienenen Band seiner “Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern” erstmals zuverlässige Kopien altpersischer Inschriften aus Persepolis veröffentlichte, konnten Entzifferungsversuche Aussicht auf Erfolg haben. Die ersten Bemühungen verschiedener Gelehrter erbrachten aber nur sehr magere Ergebnisse; der entscheidende Durchbruch gelang erst Grotefend, der damit den Grundstein legte für die Wiederentdeckung einer ganzen neuen “Alten Welt”: der des Alten Orients. Was für ein Mensch war dieser Grotefend? Sein Bild ist in weiten Kreisen durch den “Roman der Archäologie” von Kurt Marek alias Ceram (“Götter, Gräber und Gelehrte”) geprägt. Dort heißt es: “Dieser Mann vollbrachte in einem Geniestreich eine der erstaunlichsten Leistungen des menschlichen Geistes – um dann, keineswegs berühmt geworden, seine Lehrerlaufbahn auf bürgerlichste Art zu vollenden, ohne noch ein einziges Mal den Anlauf zu einer geistigen Tat von Rang zu finden.” Ein grandioses Fehlurteil!
Das Datengerüst von Grotefends Leben ist in der Tat schnell genannt: Außerlich gesehen verlief seine Laufbahn ruhig. Geboren wurde er 1775 zu Hannoversch-Münden. Seit 1795 studierte er Theologie und Philologie in Göttingen, wurde 1797 Collaborator für den Lateinunterricht in der Unter- und Mittelstufe an der Göttinger Stadtschule und kam 1803, ein Jahr nach seinem Entzifferungserfolg, als Prorektor an das Gymnasium in Frankfurt. 1821 bewarb sich Grotefend erfolgreich um die Stelle des Direktors am Lyceum in Hannover, wo er 28 Jahre als Direktor tätig war. 1853 verstarb er.





