Ergründen möchte Konopka für die Jahre 1988 bis 1993, warum sich die Bundesrepublik zunächst nicht und dann nur zögerlich an solchen UN-Einsätzen beteiligte. Er legt die maßgeblichen politischen, bürokratischen und militärischen Abläufe offen, um die einst für oder gegen eine deutsche Teilnahme an den jeweiligen UN-Missionen sprechenden Gründe zu rekonstruieren, analysieren und interpretieren. Der Historiker bedient sich dazu eines Kniffs: Er untersucht nämlich nicht nur die Blauhelm-Einsätze, bei denen seit 1989 eine deutsche Beteiligung erfolgte (Namibia, Somalia, Westsahara, Ruanda), sondern auch jene ohne deutsche Teilnahme (Angola, Mosambik, Liberia). So besetzt er geschickt inhaltliche Leerstellen, aus denen sich erst ein schlüssiges Gesamtbild erschließt. Dabei stützt er sich auf zwei besonders wertvolle Quellenbestände. Das sind einerseits bundesdeutsche Ministerialakten, die nach dem Ablauf der üblichen Schutzfrist von 30 Jahren nun zur Auswertung bereitstehen. Andererseits bezieht Konopka die Einschätzungen von über 50 Zeitzeugen in seine Arbeit ein.
Derlei Fleiß schlägt sich in den tiefgründigen Länderstudien nieder. So auch zur UN-Mission 1989/90 in der ehemaligen deutsche Kolonie Namibia. Sie sollte freie Wahlen und den Abzug der südafrikanischen Besatzung sicherstellen und Namibia den Weg in die Unabhängigkeit ebnen. Zu Recht widmet sich der Autor dieser UN-Mission aufgrund ihres neuartigen Ansatzes ausführlich auf 70 Seiten. Bedauerlich ist, dass der Leser hier nur am Rand erfährt, dass sich an jenem UN-Einsatz beide deutsche Staaten mit einer Polizeibeobachtereinheit beteiligten. Wie die Bundesrepublik entwarf auch die DDR schon 1978 erste Pläne dazu. Teilweise waren die beiden deutschen UN-Einheiten in Namibia auch zusammen im Einsatz. Auch weil die historische Zeitenwende 1989/90 in Deutschland und Namibia nahezu parallel ablief (als die Berliner Mauer fiel, fanden in Namibia erstmals freie Wahlen statt), hätte diese einmalige deutsch-deutsche UN-Episode mehr Beachtung verdient. Da Konopka zufolge die gesamte Planung der Bundesrepublik zum UN-Einsatz in Namibia „im Schatten der deutsch-deutschen Frage“ stand, mutet seine Notiz, das dortige deutsch-deutsche Zusammentreffen sei nur eine Fußnote der Geschichte, zu lapidar an. Die Auslassung jenes besonderen Aspekts der deutschen Blauhelm-Geschichte in Afrika wirkt mindestens merkwürdig. Wer hierzu mehr wissen möchte, wird im vom Autor reichlich zusammengestellten Literaturapparat fündig. Ebenso hilfreich sind die enthaltenen Karten der untersuchten afrikanischen Einsatzländer.
Rezension: Dr. Daniel Lange
Torsten Konopka
Deutsche Blauhelme in Afrika
Die Bundesrepublik Deutschland und die Missionen der Vereinten Nationen Anfang der 1990er Jahre
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2023, 780 Seiten, € 65,–





