Wie schon in den gleich gestalteten Bänden zu Neapel und Florenz stehen auch hier die ganz persönlichen Erfahrungen und Eindrücke der klug ausgewählten Edelfedern im Mittelpunkt. Zwischen diese lebendig und anschaulich übertragenen Textauszüge sind Ausführungen zu Leben und Œuvre der Verfasser und der Verfasserin sowie zu der Zeit geschaltet, die sie zusammen mit Rom beklagen, verherrlichen oder verdammen. Diese Einschübe hat Tobias Roth in derselben Tonlage gehalten wie die Werkausschnitte: voller Emphase, bildmächtig, atemlos, mit ausgeprägter Lust an der Zuspitzung und am Paradoxen. Da ist der Niedergang von Kunst und Kultur im 9. Jahrhundert „zum Heulen“, der Volkstribun Cola di Rienzo sorgt im 14. Jahrhundert immerhin „für etwas revolutionären Schwung“, doch ansonsten treiben es die Päpste, bei deren Wahl die Religion immerhin „eine gewisse Rolle“ spielt, völlig ungehemmt. Am Ende verweigert der asketische Reformpapst Pius V. (1566 –1572) die – in aller appetitanregenden Ausführlichkeit beschriebenen – Schlemmerspeisen seines Meisterkochs Bartolomeo Scappi und schlürft miesepetrig nur ein frugales Süppchen, um danach die Scheiterhaufen für religiöse Abweichler brennen zu lassen.
Die historischen Partien dieses Buchs sollte man also nicht auf die Goldwaage legen, zum vertiefenden Weiterlesen regen sie trotzdem an. Einziges Manko: Es fehlt eine Bibliographie der neueren Literatur, die der Autor für diese Passagen herangezogen hat. Die Glanzstücke des als Einführung in das Rom der „Renaissance“ überaus lesenswerten Buches aber sind die ausgewählten Passagen aus den Werken der
herausragenden Zeitzeugen. So erlebt man mit, wie Lorenzo Valla die „Konstantinische Schenkung“, die den Papst zum Herrn der Welt mache sollte, als Fälschung erweist, wie ein subversiver Literat namens Pietro Aretino das Testament eines Elefanten verfasst, der sein Genital einem Kardinal vermacht, wie die hochadlige Literatin Vittoria Colonna mit ihren frommen Hymnen der Sympathien für Luther verdächtig wird und wie Michelangelo Buonarroti beschreibt, dass ihm auf dem Gerüst zur Ausmalung der Sixtinischen Kapelle vor lauter Körper-Krümmung ein Kropf zu wachsen droht. So bleibt am Ende der Lektüre nur die Hoffnung auf eine Fortsetzung zu Venedig und seinen nicht minder faszinierenden Autorinnen und Autoren.
Rezension: Prof. Dr. Volker Reinhardt
Tobias Roth
Welt der Renaissance
Rom
Verlag Galiani Berlin, Berlin 2024, 208 Seiten, € 23,–





