Kaum ein Ereignis aus der Zeit der römischen Republik wird so häufig rezipiert wie Hannibals Alpenüberquerung während des Zweiten Punischen Krieges im Jahr 218 v. Chr. Bei diesem Gewaltmarsch trieb der karthagische Heerführer Zehntausende Fußsoldaten und Reiter, ebenso wie 37 Kriegselefanten, über die Alpen, um einem Angriff der Römer gegen die karthagischen Provinzen in Spanien und Nordafrika zuvorzukommen. Der tollkühne Plan gelang, und plötzlich sahen sich die Römer im italienischen Kernland Auge in Auge mit Hannibals Truppen. Die beiden amtierenden Konsuln führten die römischen Legionen bei Cannae gegen die Invasoren ins Feld – eine Schlacht, die für die Römer in einer vernichtenden Niederlage enden sollte. Die genauen Gefallenenzahlen schwanken bei den Geschichtsschreibern je nach Darstellung: 50.000 erwähnt Livius, von bis zu 70.000 berichtet Polybios. Hinzu kommen zahlreiche Gefangene.
Nun stand den Karthagern der Weg nach Rom offen. Hannibal entschloss sich jedoch, nach Süden weiterzuziehen und verschonte die Hauptstadt. Die Römer sammelten sich neu, zermürbten mit einer Taktik der verbrannten Erde die karthagischen Truppenverbände und wandten so größeres Unheil ab. Fast 200 Jahre später erinnert Cicero in seinen Reden mit den geflügelten Worten „Hannibal ad portas“ an das Schreckensereignis, als er seine Gegner mit dem noch immer gefürchteten Feindbild dämonisiert.
Die 37 Kriegselefanten spielten bei dem Feldzug wohl nur eine untergeordnete Rolle. Dennoch müssen die grauen Riesen auf die Bewohner in Norditalien, Spanien und Südfrankreich großen Eindruck gemacht haben. Wie viele Tiere die Alpenüberquerung überlebten, ist in den Quellen unsicher, die meisten verstarben jedoch im darauffolgenden Jahr an der Kälte des norditalienischen Winters. Erst am Ende des Zweiten Punischen Krieges kamen die Dickhäuter noch einmal zum Einsatz. Die Römer waren inzwischen in der Offensive und trafen im nordafrikanischen Zama auf die Truppen Hannibals. Knapp 40 noch relativ unausgebildete Elefanten bildeten die Frontlinie der Verteidiger. Sobald jedoch die Angriffsfanfaren der Römer erschallten, scheuten die Tiere und sorgten für ein heilloses Durcheinander in den eigenen Reihen.
Ein bedeutsamer Fußknochen
2020 wurde bei Ausgrabungen in der Nähe von Córdoba in Südspanien ein handflächengroßer Knochen entdeckt. Der Fund warf zunächst Fragen auf, da er mit keiner lokalen Tierart übereinstimmte. Erst später identifizierten die Archäologen ihn als rechten Karpalknochen eines großen Säugers. Die Radiokarbondatierung der Bodenschicht deutet auf ein Alter von etwa 2.250 Jahren hin. Laut einer Studie unter der Leitung des Archäologen Rafael Martínez Sánchez von der Universität Córdoba könnte der Knochen zu einem Kriegselefanten gehören, der von den karthagischen Streitkräften während des Zweiten Punischen Kriegs (218–201 v. Chr.) eingesetzt worden war.
Bevor Hannibal mit Rom Krieg führte und die Alpen überquerte, kämpften die Karthager in Spanien gegen die iberischen Stämme. Ziel war es, das Territorium von einigen Stützpunkten am Südrand der Halbinsel aus zu erweitern. Der Karpalknochen könnte in diese Phase der karthagischen Expansion unmittelbar vor den Punischen Kriegen fallen, was auch der Fundkontext bekräftigt: Unter einer eingestürzten Mauer wurden neben dem Knochen ein Dutzend kugelförmiger Steinprojektile gesichtet, bei denen es sich wahrscheinlich um Munition für karthagische Wurfmaschinen handelt.
Der restliche Teil des Elefantenskeletts war allerdings nicht auffindbar und ist womöglich verwest – oder war gar nicht erst dort. Die Forschenden schließen nicht aus, dass der Knochen lediglich als Souvenir aufbewahrt worden sein könnte, bevor er in den Trümmern landete. Dagegen spräche aus Sicht der Experten jedoch, dass der Karpalknochen weder optisch besonders ansprechend sei, noch eine handwerkliche Funktion erfülle. Die Interpretation eines verstorbenen Kriegselefanten ist hingegen mit den Informationen aus Schrift- und Bildzeugnissen vereinbar.
Obwohl das Tier so oder so nicht mit Hannibal über die Alpen gezogen war, betonen die Forschenden die Bedeutung des Knochenfundes. Es sei ein seltenes Relikt aus der Zeit der Punischen Kriege und wecke die Vorstellungskraft, wie die „Panzer der Antike“ einst über die Iberische Halbinsel marschierten, resümieren die Archäologen.
Quelle: Rafael M. Martínez Sánchez et al., The elephant in the oppidum. Preliminary analysis of a carpal bone from a Punic context at the archaeological site of Colina de los Quemados (Córdoba, Spain), Journal of Archaeological Science: Reports, Vol. 69, 2026; doi.org/10.1016/j.jasrep.2026.105577





