Die ungewöhnliche Entdeckungsgeschichte, über die das ukrainisch-norwegische Forscherteam nun berichtet, begann mit einer Ausgrabung in der Ukraine, als das Land noch nicht vom Krieg zerrüttet wurde: Ein Archäologenteam war bei Untersuchungen im Zuge eines Neubaus im Zentrum von Kiew auf Funde gestoßen, die sie auf das 10. bis 13. Jahrhundert datierten. Neben verschiedenen Artefakten umfassten die Entdeckungen auch neun seltsame Knochenfragmente in verschiedenen Größen. Den Archäologen erschien völlig unklar, von welchen Tieren sie stammen könnten. Deshalb zogen sie einen Experten zurate, der sie mit einem zunächst erstaunlich wirkenden Befund überraschte: Die Knochen stammen von Walross-Schnauzen. “Wir hatten noch nie von ähnlichen Entdeckungen in Kiew gehört”, sagt Co-Autorin Natalia Khamaiko von der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine in Kiew.

Walross-Knochen im mittelalterlichen Kiew?
Dann klärte sich allerdings, dass die exotischen Knochen auf den mittelalterlichen Handel mit Walross-Elfenbein zurückzuführen sind: Die Stoßzähne der Tiere wurden oft noch an der Schnauze befestigt transportiert und dann erst abgebrochen, wenn man sie zu Schnitzereien weiterverarbeitete. “Walross-Elfenbein war im Mittelalter in Europa ein sehr beliebter Rohstoff. Es wurde zur Herstellung von Objekten in der Kirchenkunst verwendet sowie für luxuriöse Versionen von Alltagsgegenständen wie Spielfiguren und Messergriffen”, sagt Co-Autor James Barrett von der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie in Trondheim.
Man nahm bisher an, dass die Versorgung mit dem kostbaren Material in Osteuropa auf der Walross-Jagd in der russischen Arktis – der Barentssee – beruhte. Westeuropa wurde hingegen vor allem von der später verlassenen Kolonie der Wikinger auf Grönland mit Walross-Elfenbein versorgt, so die Annahme. Somit lag zunächst nahe, dass auch die Funde aus dem weit im Osten gelegenen Kiew von Tieren aus der russischen Arktis stammten. Doch die Wissenschaftler wollten es genauer wissen. So verfolgten sie einen dreistufigen Ansatz, um der Herkunft der Knochen auf die Spur zu kommen – und kamen schließlich zu einem überraschenden Ergebnis.
Zunächst untersuchten sie die Spuren von Walross-DNA, die in den Knochen erhalten geblieben sind. Bei fünf Knochenfragmenten konnten sie dabei eine genetische Signatur feststellen, wie sie für die Walrosse Grönlands typisch ist. Anschließend führten die Forscher zusätzlich eine Isotopenanalyse der Knochen durch. Isotope sind Varianten ein und desselben Elements, die je nach Nahrungsquelle und geografischer Lage variieren und damit Rückschlüsse auf die Herkunft eines Tieres ermöglichen. Auch diese Nachweismethode lieferte Ergebnisse, die deutlich nach Grönland verwiesen. Beim dritten Ansatz handelte es sich um eine Untersuchung der Verarbeitungsspuren an den Knochenfragmenten, die bei der Vorbereitung der Walross-Schnauzen für den Fernhandel entstanden sind. Dabei zeigte sich: “Sechs der Knochenfragmente wurden auf typisch grönländische Weise bearbeitet”, sagt Barrett. Unterm Strich besteht somit kein Zweifel: “Alles deuten auf dieselbe Quelle hin – Grönland”, resümiert Co-Autor Bastiaan Star von der Universität Oslo.





