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Endlich mehr als Musen?
Blickt man heute auf die Literaturepoche der Romantik, erscheinen Frauen wie Bettina von Arnim oder Caroline Schlegel-Schelling sehr präsent. Doch auch hier hat man lange um die Frage gerungen, wie eigenständig sie als Künstlerinnen wirklich waren.
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In seiner Novelle „Eine Sommerreise“ (1834) blickt Ludwig Tieck für einen kurzen Moment zurück auf die von ihm selbst mitgeprägte Zeit der Frühromantik und auf die Rolle der an dieser bedeutsamen Bewegung um 1800 beteiligten Frauen: „Viele der künftigen Literatoren werden es vielleicht nicht glauben wollen, wie sehr edle und geistreiche Frauen in unserer deutschen Literatur den Ausschlag gegeben haben“.
Besonders hebt er Caroline Schlegel-Schelling (1763 – 1809) als eine „höchst gebildete Frau“ hervor, die ein so „feines, geübtes Ohr“ gehabt habe, „dass Schlegel sie bei seinen Gedichten und Übersetzungen zu Rathe zog, und sie entschied fast immer, wenn er zwischen drei oder vier verschiedenen Lesearten ungewiß war, welche er als die wohllautendste oder passendste wählen sollte.“
Lob und Anerkennung sprechen aus diesen Worten, und doch stehen sie auch für ein bis heute nicht wirklich behobenes Problem bei der Benennung und Einordnung der Beiträge, die von Frauen im Rahmen der literarischen Romantik geleistet wurden. Auf der einen Seite beschreibt Tieck eine zuvor kaum denkbare Form der partnerschaftlichen Literaturproduktion, die von Mann und Frau als gemeinsames Projekt betrieben wird, wobei die Frau sogar ausschlaggebende Instanz sein soll. Auf der anderen Seite bleibt die angedeutete Augenhöhe der beiden Partner im Ungefähren stecken, indem die Frau vom Mann lediglich zu Rate gezogen wird und eine zwar wichtige, aber passive, jedenfalls nicht originär schöpferische Zuarbeit leistet.
Die „künftigen Literatoren“, denen Tieck die Frauen der Romantik empfiehlt, haben deren Bedeutung als historische Figuren im Umfeld eines männlich geprägten Romantik-Verständnisses durchaus anerkannt – als Schriftstellerinnen eigenen Rechts wurden sie aber, von wenigen Ausnahmen abgesehen, erst im Zuge der seit den 1970er Jahren aufblühenden Frauengeschichtsforschung wahrgenommen.
Seither hat sich innerhalb der Romantikforschung eine stark heterogene Betrachtung herausgebildet, deren Unterschiede – nur wenig zugespitzt – durch das jeweilige Geschlecht der forschenden Person determiniert zu sein scheinen. So tauchen die Frauen der Romantik in den von Männern verfassten Romantikdarstellungen der letzten Jahre nur ganz am Rand auf und werden etwa vom Publizisten Rüdiger Safranski (2007) als „die klugen Frauen im Hintergrund“ abgetan, wo sie auch in weiteren großen Epochenporträts männlicher Provenienz bis hin zur „Geschichte der Romantik“ des Germanisten Stefan Matuschek (2021) verbleiben.
Weiblicher Kanon der Romantik rückt ins Interesse der Forscher
Demgegenüber hat sich eine feministisch geprägte Richtung in der Literaturwissenschaft der Aufgabe unterzogen, dem männlichen Kanon der literarischen Romantik einen spezifisch weiblichen Kanon zur Seite zu stellen. Seither sind Autorinnen wie Dorothea Veit, Sophie Mereau oder Karoline von Günderode mit ihren Werken – hauptsächlich von Forscherinnen – verstärkt und unter veränderten Vorzeichen in den Blick genommen worden.
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Von diesem Befund ausgehend, hat die an der Universität Frankfurt angesiedelte „Neue Romantikforschung“ kürzlich das Ziel formuliert, mittelfristig zu einer „Gleichstellung aller Schreibenden“ und zu einer „Bewertung von Literatur unabhängig vom Geschlecht der Produzierenden“ zu gelangen; sie räumt allerdings zugleich ein, dass es hinsichtlich der Romantikerinnen bis auf weiteres nur darum gehen könne, „auf einer pragmatischen Ebene Lücken zu benennen und zu schließen“.
Damit wird explizit die Nachfolge von Autorinnen wie insbesondere der Germanistin Barbara Becker-Cantarino angetreten, Verfasserin eines Standardwerks über die „Schriftstellerinnen der Romantik“ (2000). Pointiert heißt es gleich zu Beginn dieses zu Recht vielbeachteten Bandes, es gehe darin nicht um eine Würdigung der „Musen, Schwestern oder Geliebten der Romantiker“, sondern um einen anhand der Genderstudies geschulten Blick auf die „aktiv literarisch tätigen Frauen“ zur Zeit der Romantik.
Dass auf diese Weise einige literarisch bedeutende Frauen, die schon längst zum Kanon gehört hatten, aus diesem wieder aussortiert wurden, war insoweit folgerichtig, als sich das Wirken dieser Frauen – allen voran die eingangs von Ludwig Tieck so positiv hervorgehobene Romantikerin Caroline Schlegel-Schelling – nicht zur Untermauerung der behaupteten Notwendigkeit einer Korrektur des überlieferten Geschichtsbildes zu eignen schien.
Darüber hinaus liegt der Eindruck nahe, es gehe – anachronistisch über die Jahrhunderte hinweg – auch um individuelle Kritik an einer historischen Figur wie eben Caroline Schlegel-Schelling, die jedenfalls auf den ersten Blick den gesellschaftspolitischen Impetus des propagierten frauenbewegten Geschichtsverständnisses nicht bestätigt.
„Geliebte und Ehefrau berühmter Romantiker“
Da Caroline Schlegel-Schelling selbst nichts publizierte, sich mithin der „Geschlechtszensur“ gebeugt habe, macht Becker-Cantarino ihr (fast) jeden eigenen intellektuellen Beitrag zur Romantik streitig und degradiert sie stattdessen zur „Geliebten und Ehefrau berühmter Romantiker“, der sie sogar einen Seitensprung mit dem Mainzer Revolutionär Georg Forster andichtet.
Der unbekümmerte Rückgriff auf (vermeintliche) biographische Details verwundert umso mehr, als ansonsten gerade das Verfahren, die Kategorien Leben und Werk miteinander zu vermengen oder gar zu vertauschen, in der Kritik steht, die eigentliche Leistung von Frauen in der Geschichte unkenntlich zu machen.
Damit wendet sich die neuere Frauengeschichtsforschung vor allem gegen ihre Vorläuferinnen zu Beginn und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gelehrte Publizistinnen wie Ricarda Huch, Gertrud Bäumer und Margarete Susman hatten sich bereits intensiv mit den Frauen der Romantik auseinandergesetzt, wobei es dieser ersten Generation von Romantik-Forscherinnen weniger um die Würdigung literarischer Erzeugnisse als um die Herausarbeitung biographischer Porträts in Kombination mit ausgefeilten Persönlichkeitsdeutungen ging.
Wir wollen hier Caroline Schlegel-Schelling wieder diejenige zentrale Rolle einräumen, die sie in der Romantik-Rezeption bereits seit Veröffentlichung ihrer überlieferten Briefe im Jahr 1871 innehatte.
Die mit dem schlichten Titel „Caroline“ versehene Briefsammlung fand direkt nach ihrem Erscheinen eine derart breite, an leidenschaftliche Bewegtheit grenzende Aufnahme, dass der Historiker Ludwig Geiger in der Rückschau von einer „außerordentlichen Beachtung“ und „fast übermäßigen Schätzung“, ja von einem „Götzendienst“ sprach, der mit den Caroline-Briefen getrieben worden sei.
Aus heutiger Perspektive ist insbesondere die Ambivalenz zwischen hymnischer Bewunderung und moralischer Abwertung interessant, die charakteristisch ist für die damalige intensive Beschäftigung mit der erneut als bedeutende Persönlichkeit erkannten Romantikerin und ihren Briefen.
So schwärmt der Literaturwissenschaftler Rudolf Haym 1871 von der darin zum Ausdruck kommenden „blühenden Welt, deren Duft jetzt zum ersten Mal auch unseren, der Nachlebenden, Sinn berührt“, und sieht sich selbst zugleich als „am Maste gefesselten Odysseus“ gegenüber einer so geschätzten wie gefürchteten Frau, die, wie in einer anderen Quelle gespottet wurde, „mehr als sechzig Jahre nach ihrem Tode noch verschiedenen deutschen Professoren die Köpfe verdreht habe“.
Da waren zum einen die zeittypischen Vorbehalte wegen eines unehelichen Kindes der jungen Witwe und wegen der Scheidung vom zweiten Ehemann, zum anderen aber auch die als „unweiblich“ empfundene intellektuelle Brillanz und der ironisch-selbstbewusste Ton, der viele der Briefe auszeichnet.
Die Kaiserzeit urteilt besonders streng über die Frauen der Romantik
Mit abfälliger Konnotation ist bei manchen Rezipienten von einer „Emancipirten“ die Rede, und dieser Vorwurf trifft ins Schwarze: Fast mehr noch als zu Lebzeiten von Caroline Schlegel-Schelling bestanden im wilhelminischen Deutschland starke Vorbehalte gegenüber geistig unabhängigen Frauen, die für sich beanspruchten, in einer männlich dominierten Welt als gleichrangig partizipierende Gesprächspartnerinnen wahrgenommen zu werden.
Dies ist das Kernelement, das alle Romantikerinnen miteinander verbindet, auch wenn die in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzende, geradezu unzeitgemäß moderne Forderung ganz unterschiedliche Gestalten annehmen konnte. Mitunter tendiert der Vorstoß schon in Richtung einer frühen Form der Frauenemanzipation, so etwa bei Rahel Varnhagen von Ense oder Bettina von Arnim, bei anderen hat sie einen universelleren, vom weiblichen Geschlecht absehenden Gehalt, so bei Caroline Schlegel-Schelling, die als der Mensch, der sie war, intellektuell ernst genommen werden wollte.
Man hat sie daher in der Frauengeschichtsforschung der letzten Jahrzehnte mehrfach als „egoistisch“ gescholten und dabei übersehen, welch ermutigendes Beispiel ihre selbstbewusste Positionierung innerhalb der zeitgenössischen Diskurse abgeben konnte und – auf einer identitätsstiftenden Ebene – immer noch kann.
Kaum vorstellbar, dass eine „kraftvolle Frau“ wie sie, mit der ein Autor wie Jean Paul nach eigenen Worten „ein ganzes Souper verstritt“, wirklich eine unterdrückte, der „Geschlechtszensur“ unterliegende, hauptsächlich auf erotischer Ebene wahrgenommene Frau gewesen sein soll.
Die Männer werden mit Nachdruck zur künstlerischen Arbeit getrieben
Auch „Musen“ waren die meisten Frauen der Romantik nicht – jedenfalls nicht im landläufigen Sinn; man kann sie allenfalls als „rabiate Musen“ betrachten, die ihre Männer unter Druck setzten, literarische Höchstleistungen zu liefern.
So zeigte sich etwa Bettina von Arnim wiederholt unzufrieden damit, dass ihr Gatte, der Dichter Achim von Arnim, nicht als Verfasser großer Dramen nach literarischem Ruhm strebte, und Caroline Schlegel-Schelling trichterte ihrem Mann August Wilhelm Schlegel ein: „O mein Freund, wiederhole es Dir unaufhörlich, wie kurz das Leben ist, und daß nichts so wahrhaftig existirt als ein Kunstwerk – Kritik geht unter, leibliche Geschlechter verlöschen, Systeme wechseln, aber wenn die Welt einmal aufbrennt wie ein Papierschnitzel, so werden die Kunstwerke die lezten lebendigen Funken seyn, die in das Haus Gottes gehn – dann erst komt Finsterniß.“
Der pathetische Gestus dieses Zitats legt nahe, Caroline Schlegel-Schelling habe auch in eigener Person nach literarischer Auszeichnung gestrebt. Doch ganz offensichtlich war dies nicht der Fall. Hin und wieder schrieb sie Rezensionen, Berichte und Aufsätze, half Schlegel bei seiner Shakespeare-Übersetzung und anderem, doch es war ihr suspekt, eine schriftstellernde Figur des öffentlichen Interesses abzugeben wie etwa Sophie von La Roche, mit der sie sich darüber auch freimütig austauschte.
Schon die Zeitgenossen rühmten dagegen Carolines besonderes Talent zum Briefeschreiben so nachdrücklich, dass die sich unterlegen fühlende Dorothea Veit, selbst eine höchst talentierte romantische Schriftstellerin, verdrossen bemerkte, man halte ihr immer wieder „wie das Haupt der Gorgo“ Carolines Briefe unter die Nase und lobe den Zauber und die genialische Anlage ihres Geistes über die Maßen.
Wenn die neuere Forschung bemängelt, Frauen wie Caroline Schlegel-Schelling seien mit der Aufforderung, sie mögen Briefe schreiben, marginalisiert und davon abgehalten worden, „wirkliche“ Werke zu verfassen, verkennt sie die literarische Bedeutung, die das Medium Brief (nicht nur) zur Zeit der Romantik hatte.
Vergleichbar mit dem romantischen Kunstlied, das heute eine kulturelle Nischenexistenz fristet, damals aber eine besondere Wertschätzung erfuhr – sowohl als oft virtuos ausgebildetes, „sympoetisches“ Kunstwerk von bloß scheinbarer Einfachheit als auch wegen des zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, Individualität und Allgemeinheit changierenden Radius der Mitteilung – galt der Brief als eine künstlerisch attraktive und potentiell ungemein nuancenreiche Ausdrucksform.
Brief und Lied stehen insofern beispielhaft für den typisch romantischen Drang nach dem Erschließen von Zwischenreichen. Nur vor diesem Hintergrund lässt sich Friedrich Schlegels Urteil, Caroline Schlegel-Schelling habe das Medium des Briefes „ganz in der Gewalt“, richtig einschätzen.
Zum Glück hat ein Teil ihrer aus dem Leben gegriffenen und nicht mit Kunstwillen eigens komponierten Briefe die Zeiten überdauert und entschädigt die Nachwelt auf ganz eigene Weise dafür, dass Caroline Schlegel-Schelling nie ein Werk wie einen Briefroman oder Ähnliches verfasst hat.
Anders Bettina von Arnim (1785 – 1859): Als diese sich nach dem Tod ihres Ehemannes dazu entschied, als Schriftstellerin aus seinem Schatten zu treten, griff sie auf ihre eigene Korrespondenz zurück und schuf daraus Neues, und das mit Erfolg: Aus dem Stand sorgte ihr Werk „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ (1835) für Furore. Drei Jahre nach dem Tod des „Weimarer Olympiers“ wagte Bettina von Arnim das Experiment, die Briefe, die sie über mehrere Jahre hinweg von ihrem Idol erhalten hatte, und ihre eigenen, die sie aus dem Goethe-Nachlass auslieh, zu überarbeiten und zu einem nicht geringen Teil auch zu fingieren.
Sie nutzte dieses Verfahren, um eine poetische Wahrheit hinter der materiellen Begebenheit zum Vorschein zu bringen. Damit wurde sie zur Schöpferin einer ganz eigenen Form von Literatur, die in Richtung des Briefromans tendiert, zugleich aber eine reale Basis und (auto)biographische Züge hat.
Unausgesprochen bedeutet diese Form des Literaturschaffens unter dem bescheiden anmutenden Deckmantel „Brief“ eine raffinierte und weitreichende Selbstermächtigung Bettina von Arnims als Autorin. Denn sie nahm es mit keinem Geringeren als Goethe auf, dessen Gestus der Selbstinszenierung sie sowohl übernahm als auch durchkreuzte, indem sie die Deutungshoheit über einen Teil seines Lebens für sich beanspruchte. Dieses Werk, das zugleich den Prototypen für zwei weitere große Briefwerke abgab, war ihre ganz persönliche Umsetzung von „Dichtung und Wahrheit“.
Bettina von Arnim widmet der Günderode ein Werk
Von dem Erfolg ihres Erstlingswerkes ermutigt, wandte Bettina von Arnim sich einige Jahre später der „Günderode“ (1840) zu, mit der sie auf diese Weise lange Zeit nach deren Tod erneut in ein Zwiegespräch trat. Mit tiefer Bekümmerung hatte sie im Jahr 1806 erst die Entfremdung und dann den Selbstmord ihrer Jugendfreundin aufgenommen, und über die Jahre war in ihr das Bedürfnis gewachsen, der Dichterin Karoline von Günderode ein literarisches Denkmal zu setzen.
Mit diesem Werk wie auch mit „Clemens Brentano’s Frühlingskranz aus Jugendbriefen ihm geflochten“ (1844), das eine von diesem autorisierte Erinnerung an ihren Bruder darstellt, schuf Bettina von Arnim einerseits originäre Beiträge zur Literatur der Romantik, andererseits lassen sich beide Werke bereits als Teile einer frühen Romantik-Rezeption lesen.
Ein unvoreingenommener Blick auf die Brief-Schöpfungen Bettina von Arnims und Caroline Schlegel-Schellings legt die Aufgabe nahe, sich (wieder) auf den poetischen Gehalt und die literarischen Qualitäten dieser oft unterschätzten Kunstform zu konzentrieren und Briefe aus der Zeit der Romantik nicht vorrangig im Sinn von „Brief-Netzwerken“ zu lesen, so unbestreitbar wichtig dieser neue Forschungsansatz auch ist.
Damit wird zugleich die Schwierigkeit einer Trennung von Leben und Werk deutlich. Was tun, wenn das Ineinandergreifen dieser Sphären nicht nur eine (vielleicht unreflektierte) Behauptung Nachgeborener ist, sondern zugleich die Schaffensrealität von Autorinnen mit ihren Möglichkeiten wie Einschränkungen nachvollziehbar beschreibt? Der heutige Blick in die Vergangenheit verkennt mitunter – gerade aufgrund „moderner“ Positionen der Romantikerinnen –, dass die bürgerliche Gesellschaft um 1800 eine grundlegend andere und für beide Geschlechter wesentlich unfreiere war, als wir es gewohnt sind.
Und doch ist die Trennung von Leben und Werk in manchen Fällen durchaus möglich und geboten. So griff die aus verarmtem Adel stammende und von ihrer Familie in ein Frankfurter Damenstift abgeschobene Dichterin Karoline von Günderode (1780 –1806) den selbstbewussten Anspruch der knapp eine Generation älteren Göttinger Professorentochter Caroline Schlegel-Schelling auf, Männern jederzeit intellektuell die Stirn zu bieten.
Trotz „unweiblicher Themen“ gibt es Hilfe von den Männern
Günderode spitzte ihn weiter zu, indem sie bewusst und ihrem Naturell entsprechend explizit „unweibliche“ Themen (insbesondere aus dem Bereich der Mythologie) für ihr literarisches Œuvre wählte, mit dem sie unter dem Pseudonym „Tian“ frühzeitig in die Öffentlichkeit strebte.
Dass sie darin von Männern unterstützt und gefördert wurde, spricht für die relative Durchlässigkeit der zeitgenössischen romantischen Diskurse und eine zwar etwas zögernde, aber grundsätzlich doch vorhandene Aufgeschlossenheit gegenüber künstlerischer Gleichberechtigung. Zu Lebzeiten erschienen zwei Werksammlungen Günderodes: „Gedichte und Phantasien“ (1804) und „Poetische Fragmente“ (1805). Ein dritter Band, „Melete“, war im Druck, der jedoch nach dem Selbstmord der Dichterin abgebrochen wurde.
Lange stand ihr literarisches Schaffen im Schatten des gerade in diesem Fall besser als Freitod zu bezeichnenden Ereignisses, das Karoline von Günderode selbst möglicherweise mehr als heroischen Akt denn als Kapitulation verstand, denn sie befreite mit ihrem spektakulären, geradezu „mannhaften“ Dolchstoß sowohl ihren Mentor Friedrich Creuzer als auch sich selbst aus einer, wie sie erkennen musste, verhängnisvollen Liebesbeziehung.
Insgesamt hängt die Emanzipationsleistung der Romantikerinnen eng mit dem Erobern und Einbinden „männlicher“ Attribute und Horizonte zusammen, und es bezeugt höchste Anerkennung, wenn ihr dritter Ehemann Friedrich Wilhelm Joseph Schelling nach dem Tod Carolines um ein „Weib von männlicher Seelengröße, von dem schärfsten Geist“ trauert, „mit der Weichheit des weiblichsten, zartesten, liebevollsten Herzens vereinigt“.
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