Als der französische König Karl VII. am 19. Oktober 1453 Bordeaux zur Kapitulation zwang, war dies das Ende des Hundertjährigen Kriegs und eine fundamentale Wende für die Bürgerschaft. Die einstige Hauptstadt der römischen Provinz Aquitanien hatte unter den Angriffen der Westgoten, Araber und Normannen so schwer gelitten, dass sie erst wieder an die alte Hauptstadtfunktion anknüpfen konnte, nachdem die Grafen von Poitiers seit der Mitte des 11. Jahrhunderts Herzöge von Aquitanien geworden waren. Durch die Heirat der Erbtochter Eleonore mit Heinrich Plantagenet, Graf von Anjou, Herzog der Normandie und seit 1154 König von England, entstand eine fast 300 Jahre währende Personalunion von aquitanischer Herzogswürde und englischem Königtum, die den Rang und die Bedeutung der Stadt nachhaltig gesteigert hat.
Am Ufer der Garonne gelegen, an der Pilgerstraße von Paris über Tours und Poitiers nach Santiago de Compostela, hatte Bordeaux noch am Ende des 12. Jahrhunderts seinen alten Stadtkern innerhalb der Mauerzüge des römischen Burdigala mit der Kathedrale St. Andreas und dem Bezirk des Erzbischofs im Südwesten, der Burg über der Garonne im Südosten, zahlreichen Pfarrkirchen und festen Häusern mächtiger Familien. Doch war die Stadt durch stetige Zunahme der Bevölkerung auch schon über diese Mauern hinausgewachsen.
Deshalb war im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts eine größere Befestigung notwendig geworden, über deren Finanzierung es zu Auseinandersetzungen zwischen der Bürgerschaft und dem Statthalter der englischen Krone gekommen war. Aus diesem Streit ging die königliche Verwaltung gestärkt hervor. Seither blieb Bordeaux, bis auf eine Episode französischer Herrschaft zwischen 1294 und 1303, mehrfach umkämpfter befestigter Vorort des englischen Aquitanien, später des Herzogtums Guyenne. Unter diesem Schutz gesichert, durch dauerhafte Handelsbeziehungen sowohl zu England als auch zur Iberischen Halbinsel begünstigt und mit riesigen Weinanbaugebieten im Hinterland, entwickelte sich die Stadt zum größten Weinhandelsplatz der mittelalterlichen Welt, der seine Exporte unter dem Geleit englischer Kriegsschiffe abwickeln konnte. Üppige Privilegierung seiner Kaufleute auf der Insel und die gemeinsame politische Basis durch die Personalunion machten Bordeaux allmählich zu einer fest auf England orientierten Stadt, die von diesem Zustand außerordentlich profitierte.
Zu Beginn des Hundertjährigen Kriegs hatte Bordeaux mindestens 30 000 Einwohner (zum Vergleich: London und Montpellier 40 000, Paris wohl 200 000) und musste zum dritten Mal befestigt werden, um die gewachsene Stadt zu sichern. Wie schwach die bürgerliche Selbstverwaltung gegenüber der englischen Krone war, geht schon daraus hervor, dass deren Statthalter jedem das Bürgerrecht verleihen konnte, der mindestens ein Jahr mit Frau und Kindern ein Haus in der Stadt bewohnt hatte. Auch das von den Bürgern gern genutzte Recht, sich bei Klagen gegen den englischen Seneschall an das Pariser „Parlement“ als den Gerichtshof ihres obersten Lehnsherrn zu wenden, ging verloren, als Eduard III. sich seinerseits zum König von Frankreich proklamierte. Immerhin befestigte das den inneren Frieden der Stadt, die fortan außer dem englischen König keinen anderen Herrn mehr hatte. Es konnte also kein Herrscher mehr gegen den anderen ausgespielt werden.





