Es war ein ziemlich gemischter Verband, der 429 auf dem Sprung von Spanien nach Nordafrika war, um dort zu finden, wonach Menschen in der Geschichte so oft strebten: Wohlstand und Sicherheit. Eine einheitliche Führung und die Erfahrung von mehr als zwei Jahrzehnten auf dem Boden des Römischen Reichs hatten Vandalen und Alanen jedoch po‧litisch zu einer Einheit geformt. Vor allem in Spanien hatte man lernen müssen, wie gefährlich es sein konnte, wenn andere ger‧manische Großverbände im Spiel waren und die römische Re‧gierung versuchte, die Eindringlinge, die sich auf ein Bleiben eingerichtet hatten – in diesem Fall Vandalen und Westgoten –, gegeneinander auszuspielen.
Da von dem Vandalenkönig Geiserich keine Selbstzeugnisse überliefert sind, müssen seine politischen Konzeptionen aus seinem Handeln erschlossen werden. Nach Nordafrika überzusetzen und sich dort auf Dauer einzurichten war im Prinzip eine glänzende Idee. Die Vandalen hatten in Südspanien zwar für den Moment eine Atempause erlangt, Geiserichs Sohn Hunerich war sogar mit einer westgotischen Prinzessin verheiratet worden. Gleichwohl konnte sich die Lage jederzeit wieder zuspitzen, falls die römische Zentralgewalt in Ravenna wieder erstarkte und die Konstellationen sich änderten. Gelang es aber, in Nordafrika, das bislang noch keine Invasion erlebt hatte, Land zu gewinnen, war die strategische Situation sehr viel günstiger. Die afrikanischen Provinzen des Reichs mit ihren zahlreichen Städten waren zudem für ihren ungebrochenen Wohlstand bekannt, und sie versorgten Rom und Italien mit Getreide. Sie zu besitzen versprach dem Volk Nahrung, den Kriegern Beute, dem König ein Druckmittel.
Geiserich hatte durchaus Grund zu vorsichtigem Optimismus, das Ziel auch erreichen zu können. Zwar waren die großen Städte Nordafrikas, allen voran Karthago mit etwa 200000 Einwohnern, stark befestigt, aber die römische Ordnung wies auch Risse auf, darunter sehr alte wie den seit dem Donatistenstreit zu Beginn des 4. Jahrhunderts schwelenden Konflikt zwischen der herrschenden katholischen Orthodoxie und Schismatikern verschiedener Art. Die reichen und mächtigen Grundherren waren hier zudem weniger als anderswo in die Verantwortung für die Provinz eingebunden. Misstrauen und Spannungen zwischen dem römischen Statthalter und der Regierung in Ravenna kamen dazu.
Auch auf dem militärischen Feld sah es für Rom nicht sonderlich gut aus. Da Afrika bis dahin als sicher galt, waren die beweglichen Truppen dort relativ schwach. Es gab eine be‧festigte Grenze, aber dieser afrikanische Limes schützte nach Süden, gegen die Raubzüge der nomadischen Berber, die von den Römern Mauren genannt wurden. Dass die ansässige, ganz überwiegend in der Landwirtschaft gebundene provinziale Bevölkerung einem Eindringling nennenswerten Widerstand leisten würde, war unwahrscheinlich. Ihr Verhältnis zu den römischen Truppen im Land war eher schlecht, und es hatte in der Vergangenheit heftige soziale Verwerfungen, sogar Aufruhr gegeben.





