Ein Held zu sein nach dem Muster des Achilleus: Das bedeutete, sich durch herausragende physische und psychische Stärke auszuzeichnen; von den Göttern geleitet die Gefahr anzunehmen; für seine Ehre und für die gerechte Sache zu kämpfen und dafür notfalls sein persönliches Glück und sein Leben zu opfern. Mutig, doch nicht tollkühn zu sein, denn im Unterschied zum Abenteurer sucht der Held nicht das Risiko. Auch für das eigene Überleben zu kämpfen fällt so wenig unter die Kategorie des Heroischen wie die Fähigkeit, in einer gefährlichen Situation höchste Professionalität zu zeigen (der als Held apostrophierte Pilot Chesley Sullenberger, der 2009 seinen Airbus auf dem Hudson notwasserte, weist den Begriff für sich daher zu Recht von sich).
Der Held ist eine idealtypische Ausnahmeerscheinung. Das Unalltägliche, die großartige Einzeltat, ausgeführt im heroischen Gestus, hebt ihn aus der Masse heraus. Großmut, auch eine gewisse Demut zeichnen ihn aus, immer kann er Recht und Unrecht unterscheiden. Wofür ein Held sich einsetzt, kann sich unterscheiden und auch über die Zeiten ändern. Der Spartaner Leonidas verteidigte an den Thermopylen Griechenlands Unabhängigkeit, Cervantes’ Held Don Quijote verteidigte seine Ehre, Pater Delp seinen Glauben, die russische Journalistin Anna Politkowskaja die Menschenrechte. Gemeinsam ist ihnen, dass sie selbstbestimmt und beispielhaft handelten. Siegen muss ein Held dagegen nicht – auch in der Niederlage bleibt er Held.
Das Zitat aus der „Edda“ verweist auf einen wichtigen Zusammenhang: Zum Helden gehört zwingend der Ruhm. Und dieser überdauert nur, wenn über den Helden erzählt, wenn er zum Mythos wird. Für den „erhabensten Helden der Achäer“, Achill, war daher wichtig, dass man sich an seinen Namen erinnern würde. Auf der Siegesstele des Leonidas heißt es (in Schillers Worten): „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige [kursiv von der Autorin] dorten, du habest / uns hier liegen geseh’n, wie das Gesetz es befahl.“ Parzival, der ritterliche Protagonist eines mittelalterlichen Versromans, erwartete als Lohn für seine Hilfe aus der Not nur, dass über seine Taten berichtet werde. Don Quijote verlangte von den Sträflingen, die er befreite, dass sie seiner Dame Dulcinea die Kunde der glorreichen Tat überbrächten … Ohne Würdigung durch ein Publikum – sei es die eigene Gemeinschaft, seien es die Gegner – ist ein Held undenkbar.
Zum heldischen Handeln gehört die Bereitschaft, Gewalt anzuwenden. Friedfertigkeit und Heldentum scheinen daher unvereinbar. Und doch ist Jesus für Christen ein Held: Sein heroisches Dulden trat an die Stelle des heroischen Tuns. Das wirkte beispielhaft: In der Nachfolge Christi erlitten christliche Glaubenshelden standhaft den Märtyrertod.
Später entwickelte sich darüber hinaus ein kämpferischer christlicher Heldentypus. Einem früheren Auftreten des Kreuzritters stand möglicherweise nicht nur das biblische Gebot „Du sollst nicht töten“ im Weg, sondern auch der Umstand, dass im frühen Christentum die im Kampf gegen Ungläubige Gefallenen nicht den Status von Märtyrern erhielten (womit sie unter Umgehung des göttlichen Gerichts unmittelbar ins Paradies hätten eingehen können). Der Patriarch von Konstantinopel – daran erinnert der Althistoriker Egon Flaig – war in dieser Frage 963 noch hart geblieben: Niemand auf Erden könne Gottes Ratschluss vorwegnehmen. Anders Papst Urban II. 132 Jahre später: Im Aufruf zum ersten Kreuzzug versprach er den christ‧lichen Kriegern die Vergebung ihrer Sünden – gefallene Kreuzritter waren nun Märtyrern gleichgestellt…





