Kirchners Entwürfe reichen von aufwendigen Innenraumgestaltungen mitsamt Möbeln, Lampen und Wandornamenten über Wohnhausprojekte, Malerateliers, Hotel- und Museumsplanungen bis hin zu seiner Diplomarbeit mit dem Entwurf einer kompletten Friedhofsanlage. Kirchners architektonisches Werk wird auf der Mathildenhöhe Darmstadt in den Kontext seiner einflussreichen Lehrer Fritz Schumacher (ab 1908 Stadtbaumeister von Hamburg) und Paul Wallot (Architekt des Berliner Reichstags 1884-1894) sowie seiner Kommilitonen und späteren Brücke-Kollegen Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gestellt.
Kirchners Architekturentwürfe, insbesondere geprägt von Jugendstil und früher Moderne, weisen eine zum Teil frappierende Nähe zum Schaffen zeitgenössischer Architekten und Gestalter wie Peter Behrens, Erich Mendelsohn oder Joseph Maria Olbrich auf. Damit erschließt die Ausstellung neben einem monographischen Blick auf Kirchners Frühwerk zugleich ein spannendes Kapitel der Kulturgeschichte des Bauens um 1900. Nicht zuletzt vermag das bedeutende Jugendstilkonvolut des späteren Brücke-Künstlers zu zeigen, um wie viel komplexer die Entwicklung der frühen Moderne verlaufen ist, als dies heutzutage weithin wahrgenommen wird. Kein Ort könnte für das Aufbrechen herkömmlicher Sehgewohnheiten und pauschaler Kategorisierungen geeigneter sein als die Mathildenhöhe Darmstadt zwischen Jugendstil, früher Moderne und Proto-Expressionismus.
1880 wird Ernst Ludwig Kirchner als Sohn eines in der Papierforschung bedeutenden Ingenieurs in Aschaffenburg geboren. Seine ersten sechs Lebensjahre verbringt er dort, bevor die Familie nach kurzer Station in Frankfurt 1887 zuerst in die Schweiz und schließlich nach Chemnitz zieht. Als 36-jähriger erinnert sich Kirchner an die ersten Anregungen zum Zeichnen, die sich ihm als Kind in Aschaffenburg und Frankfurt boten: „Als Junge saß ich immer am Fenster und zeichnete, was ich sah, Frauen und Kinderwagen, Bäume, Eisenbahnzüge etc. etc. Später kommen wir nach Frankfurt und der große, damals im Bau begriffene Bahnhof, Menschen und Tiere kamen hinzu.“ Als Maler, Grafiker und Bildhauer des Expressionismus ist der 1938 bei Davos gestorbene Ernst Ludwig Kirchner heute weltberühmt – dass er ausgebildeter Architekt und verbriefter Diplom-Ingenieur war, ist dagegen weitgehend unbekannt. Dabei hat er im Architekturstudium bei seinen Hochschullehrern Paul Wallot und Fritz Schumacher erstes Können bewiesen und bis in seine letzten Jahre der Verbindung von Kunst und Architektur größte Bedeutung zugemessen.
Im Katalogbuch, das aus Anlass der Ausstellung erscheint, werden zum ersten Mal alle erhaltenen Architekturarbeiten Kirchners dokumentiert sowie wesentliche Quellentexte zu seiner Studienzeit veröffentlicht.
Die Ausstellung wird ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Kuratorenführungen, Kinderführungen und Vorträgen begleiten.





