Kaiser Friedrich III., der nur 99 Tage regierte, brachte 1888 die Zielstellungen archäologischer Ausgrabungen in einer Grußadresse an das neugegründete Orient-Comité zum Ausdruck: „Ich begrüße diese Bestrebungen, welche im Interesse der deutschen Wissenschaft von hervorragenden Gelehrten unternommen und von patriotisch denkenden Männern capitalkräftig unterstützt werden, mit Freuden und hoffe, daß ihre Ausbeute eine fühlbare Lücke unserer Museen ausfüllen wird.“
Der Vordere Orient, damals Teil des Osmanischen Reiches, beschäftigte die europäische Diplomatie im 19. Jahrhundert intensiv. Die reisenden Diplomaten und Militärs, aber auch viele Privatleute entdeckten antike Siedlungshügel (arabisch Tell), darunter die der ehemaligen assyrischen Hauptstädte Ninive, Nimrud und Chorsabad. Bei den Mitte des 19. Jahr‧hunderts unternommenen Ausgrabungen in diesen Ruinenstätten kamen monumentale Zeugnisse der assyrischen Bildhauerkunst zutage, von denen ein großer Teil nach London und Paris gebracht wurde.
Einige Reliefplatten und Abgüsse von Skulpturen aus Ninive und Nimrud erwarben auch die Berliner Königlichen Museen. Nach erfolgreichen Grabungen in Olympia und Pergamon bestand in Berlin der Wunsch nach eigenen Ausgrabungen in Mesopotamien – man wollte Präsenz in der Region zeigen und die eigenen Museen mit beeindruckenden Funden füllen. Zwischen 1888 und 1894 trafen Funde aus der Südwesttürkei ein, dar‧unter monumentale späthethitisch-aramäische Steinbildwerke aus den Grabungen, die der Forschungsreisende und Archäologe Felix von Luschan (1854–1924) in Zincirli durchgeführt hatte. Der Vorstoß ins Zweistromland erfolgte aber erst nach der Orientreise des archäologiebegeisterten Kaisers Wilhelm II. von 1898. Bereits ein Jahr später nahmen die neugegründete Deutsche Orient-Gesellschaft und die Königlichen Museen Feld‧forschungen in Babylon auf.
Vor diesem Hintergrund kommt der Entdeckung des Tell Halaf 1899 nahe der heutigen türkisch-syrischen Grenze eine besondere Bedeutung zu. Max von Oppenheim hielt sich damals in Virans¸ ehir auf. Hier in Obermesopotamien war das Winterlager Ibrahim Paschas, des gefürchteten Kommandeurs eines Hamidiye-Regiments (die Hamidiye war eine von Sultan Abdülhamid II. 1891 aus kurdischen Nomaden und Halbnomaden sowie Angehörigen ostanatolischer Turkvölker aufgestellte Kavallerietruppe) und einflussreichen Stammesführers der Milli-Kurden. Und hier hörte Oppenheim von merkwürdigen Stein‧bildern, die etwa vier Tagesreisen entfernt in der Nähe des Tscher‧kessendorfs Ras el-Ain aufgetaucht waren.
Beim Ausheben eines Grabes auf einem Hügel seien die Dorfbewohner auf Darstellungen furchterregender Mischwesen, halb Mensch, halb Tier, gestoßen. Obwohl man die Grube sofort wieder zugeschüttet habe, sei die Entdeckung der Steinbilder Ursache einer langanhaltenden Trockenheit, von Heuschreckenschwärmen und der Cholera gewesen. Aus Angst, die Mächte des Bösen erneut zu wecken, weigerten sich die Bewohner zunächst vehement, dem Fremden den Fundort der Bildwerke zu zeigen. Erst nach längeren, sogar mit Todesdrohungen versehenen Streitgesprächen führte man die Europäer zu einem antiken Siedlungshügel, der den Namen Halaf trug.





