Es ist eine Legierung, die einer Epoche den Namen gegeben hat: Im 2. Jahrtausend v. Chr. bildete Bronze die Grundlage der Hochtechnologie der Menschheit. In den frühen Hochkulturen Asiens und des östlichen Mittelmeerraumes wurden aus diesem Material damals Waffen und viele Alltagsgegenstände hergestellt. Um die Legierung zu bilden, mussten dabei zwei Metalle gemischt werden: Der Hauptbestandteil Kupfer war vergleichsweise leicht zugänglich – es gab zahlreiche Vorkommen im Bereich der alten Hochkulturen. Doch für das Zinn galt das nicht: Es kommt nur selten in abbaubarer Form vor.
Metallurgische Fingerabdrücke geben Hinweise
Obwohl Zinn über 2000 Jahre lang einer der wichtigsten Rohstoff in Eurasien war, sind die genauen Quellen des Metalls bis auf wenige Ausnahmen weitgehend spekulativ geblieben. Vor allem woher es in der späteren Bronzezeit stammte und wie es zu den Verbrauchern im Mittelmeerraum gelangte, ist bisher unklar. Um neue Hinweise zu bekommen, haben die Forscher um Wayne Powell vom Brooklyn College in New York nun ein modernes Verfahren der Metallurgie angewendet. Es basiert auf dem Vergleich von isotopischen Signaturen in den Bestandteilen von Metallfunden mit denjenigen der Erze aus bekannten Lagerstätten. Als Untersuchungsmaterialien dienten dem Team Funde von Zinnbarren aus dem berühmten Schiffswrack von Uluburun. Es handelt sich um die Überreste eines Handelsschiffes, das um 1320 v. Chr. vor der Südwestküste der heutigen Türkei gesunken ist.
„Das Uluburun-Schiffswrack ist eine Ikone. Es wird in jeder Studie oder Analyse des antiken Handels im Mittelmeerraum beschrieben und ist grundlegend für unser Verständnis des groß angelegten Warenhandels zwischen den großen Königreichen der Bronzezeit, darunter Ägypten, Mykene und die Hethiter in Anatolien”, sagt Powell. In dem bereits 1982 entdeckten Wrack fanden Unterwasserarchäologen unter anderem große Mengen von Rohmetall in Form von Barren: Zehn Tonnen Kupfer und etwa eine Tonne Zinn. Mit dieser Ladung hätte man eine Bronzemenge herstellen können, um eine Truppe von fast 5000 Soldaten mit Schwertern auszurüsten, schreiben die Forscher. Bei der Herkunft des Kupfers gehen sie von der nahen Insel Zypern aus. Doch woher das Zinn aus der Ladung des verunglückten Handelsschiffs stammte, ist bisher unklar geblieben.
Zinn aus Zentralasien
Für ihre Studie erfassten die Wissenschaftler nun die Muster von Isotopen der Elemente Zinn und Blei sowie von Spurenelementen in 105 Zinnbarren aus dem Uluburun-Schiffswrack. Die Ergebnisse konnten sie dann mit den Signaturen der Erze aus bekannten Zinnlagerstätten Eurasiens vergleichen. So zeigte sich: Zwei Drittel der Barren besitzen ein Isotopenmuster, das mit einer Quelle im nahe gelegenen Taurusgebirge in der Türkei übereinstimmt. Diese Region stand während der Spätbronzezeit unter der Kontrolle des Großreichs der Hethiter, erklären die Forscher. Bei dem verbleibenden Drittel richtet sich der Blick hingegen auf das ferne Zentralasien: Ihr metallurgischer Fingerabdruck passt zu Erzlagerstätten im heutigen Tadschikistan und Usbekistan, zeigen die Ergebnisse. Sie befinden sich somit mehr als 3000 Kilometer östlich des Fundortes des Handelsschiffs. Offenbar war das Zinn also über eine erstaunlich große Distanz hinweg transportiert worden.





