Der Blick richtet sich auf den Fundort Amoreira, der sich etwa 80 Kilometer nordöstlich von Lissabon am Fluss Tajo – auch als Tejo bekannt – befindet. In den dortigen Haufen aus Muschelschalen bestatteten die Jäger und Sammler der Gegend vor rund 8000 Jahren ihre Toten. Dies geht aus Untersuchungen hervor, die dort bereits seit dem 19. Jahrhundert durchgeführt wurden. Im Jahr 1930 entdeckten Archäologen dabei auch ein ungewöhnliches Grab. Es ähnelte zwar den anderen, doch es enthielt erstaunlich gut erhaltene Überreste eines ungewöhnlich großen Menschen.
Einem besonderen Toten auf der Spur
Gemeinsam mit anderen Funden aus Amoreira gelangten die Knochenreste anschließend ins Archiv der Universität Porto. Diesen ungewöhnlich erscheinenden Funden hat nun ein Forscherteam der Universität Uppsala und der Universität Lissabon eine detaillierte Untersuchung gewidmet. Um Hinweise auf die Identität des Toten zu erhalten, führten sie eine Radiokarbondatierung, genetische Untersuchungen sowie Isotopenanalysen an Proben aus den Überresten durch.
Wie das Team berichtet, ging aus ihren Ergebnissen hervor: Die Knochenreste stammten nicht von einem steinzeitlichen Toten, sondern von einem Mann, der erst zwischen 1630 und 1760 verstorben ist. Doch das blieb nicht die einzige Überraschung: Seine genetische Signatur deutet auf eine westafrikanische Abstammung hin. Die Ergebnisse der Isotopenanalyse belegten außerdem, dass er sich einen Großteil seines Lebens von Nahrungsmitteln ernährt hat, die in dieser Zeit in Portugal nicht üblich waren. In bestimmten Isotopensignalen in der Knochensubstanz spiegelte sich zudem wider, dass der Mann Wasser mit Merkmalen aufgenommen hatte, wie sie für Küstengebiete typisch sind, die im Bereich von Senegal und Gambia liegen.
Nach westafrikanischer Tradition bestattet?
Aus diesen Ergebnissen schlossen die Forscher, dass es sich um einen Afrikaner der ersten Generation gehandelt hat, der über den damaligen Sklavenhandel nach Portugal gelangt war. Doch warum hatte man ihn an diesem seltsamen Ort bestattet? Denn in Portugal wurden die Toten seit dem Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts normalerweise nur auf religiösem Boden begraben. Bisher nahm man an, dass dies auch für die zur Christianisierung gezwungenen Sklaven galt. Wie die Wissenschaftler erklären, könnte sich in der nichtchristlichen Bestattungsweise widerspiegeln, dass die verschleppten Menschen versuchten, ihre ursprüngliche soziokulturelle Identität und ihre Werte in ihren lokalen Gemeinschaften zu bewahren.
Dem Team zufolge war Amoreira der lokalen Bevölkerung aufgrund der sichtbaren Knochen wahrscheinlich bereits damals als eine uralte Begräbnisstätte bekannt. Ein weiterer Hinweis stammt aus Westafrika: Wie aus den Recherchen der Wissenschaftler hervorging, werden in Westafrika bis in die Gegenwart hinein Muschellagerstätten als Friedhöfe genutzt. Vor allem in der Region Senegambia dienen sie häufig als Grabstätten. Die Bestattung in dem portugiesischen Muschelhügel könnte somit darauf hindeuten, dass die afrikanische Gemeinschaft von Amoreira diesen Ort als bedeutungsvoll anerkannte. Demnach wurde der Mann möglicherweise entsprechend den soziokulturellen Traditionen seiner westafrikanischen Heimat dort bestattet.





