In Évian war der Holocaust nicht vorhersehbar
Wenige Tage nach der Konferenz hatte Adler-Rudel jedoch einem Kollegen geschrieben, dass er mit dem Ergebnis der Konferenz „absolut zufrieden“ sei. Neben ihm schätzten auch andere jüdische Emissäre die in Évian beschlossene Gründung des „Intergovernmental Committee on Refugees“ als realistischen Auftakt zu einem Verhandlungsprozess ein, der im besten Fall die geordnete Emigration von 200 000 Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich binnen der nächsten vier Jahre hätte ermöglichen können. Diese positive Einschätzung Adler-Rudels überrascht und steht in deutlicher Spannung zu seinem späteren Urteil.
Um diesen scheinbaren Widerspruch erklären zu können, bedarf es eines doppelten Wechsels der Perspektive: In Évian war der Holocaust nicht vorhersehbar. Es ist daher zum einen nötig, die 1930er Jahre nicht als bloße Vorgeschichte der Vernichtung zu begreifen. Die Verhandlungen geschahen vor dem Horizont eines noch offenen Geschichtsverlaufs. Damit gewinnen Erfahrungen wie der Weltkrieg und seine Folgen sowie zeitgenössische Kontexte wie das erst im Entstehen begriffene Flüchtlingsrecht an Gewicht.
Zum anderen ist es erkenntnisfördernd, die Positionen der Vertreter jüdischer Organisationen genauer in den Blick zu nehmen, da sie auf der Konferenz als Anwälte der Verfolgten agierten. Wie Adler-Rudel waren die meisten von ihnen seit Jahren oder gar Jahrzehnten in die komplizierten Fragen und Probleme von Migration und Flucht involviert und galten – auch aus Sicht der Regierungsvertreter – damals als die Experten auf dem Gebiet.
In den 1930er Jahren war Flüchtlingsrecht erst rudimentär entwickelt und galt nur für spezifische Gruppen. Verschiedene Konventionen regelten den Status jener, die im Zuge der russischen Revolution 1917 geflohen waren oder den Genozid an den Armeniern überlebt hatten. Die antijüdische Verfolgung in Deutschland behandelte die internationale Staatengemeinschaft im Sinne des Souveränitätsprinzips als „innere Angelegenheit“. Nach der Annexion Österreichs im März 1938 berief der amerikanische Präsident Franklin Roosevelt die Konferenz von Évian ein, die diese Haltung ändern sollte.
Die Vertreter jüdischer Organisationen reisten mit sehr unterschiedlichen Positionen und Forderungen an den Genfer See. Retrospektiv eine gemeinsame jüdische Position anzunehmen, wäre eine Verzerrung der historischen Realität. Vielmehr repräsentierten die Organisationen das breite Spektrum jüdischer Politik und Philanthropie Ende der 1930er Jahre und standen für unterschiedliche Lebenswelten und Selbstverständnisse der europäischen Judenheiten vor der Katastrophe.
Innerjüdischen Konflikt gab es zum einen um die Frage der Einwanderung nach Palästina, was für die Zionisten eine zentrale Forderung war. Letztlich konnten sie sich damit aber aufgrund der Situation vor Ort nicht durchsetzen: 1938 stand Palästina infolge des arabischen Aufstands kurz vor einem Bürgerkrieg und war wirtschaftlich nicht in der Lage, binnen kurzer Zeit Hunderttausende Einwanderer aufzunehmen. Zum anderen stritt man darüber, ob die Aufmerksamkeit der Diplomaten auf die prekäre Lebenssituation von Millionen Jüdinnen und Juden im östlichen Europa gelenkt werden sollte.





