Homers Werke wurden im antiken Griechenland als Inspirationsquelle für jede Art von Literatur angesehen. So schreibt der bereits erwähnte Pseudo-Longin genannte Autor im 1. Jahrhundert n. Chr., der Philosoph Platon habe „von der homerischen Quelle unzählige Bäche in sein eigenes Werk abgezweigt“. Der Tragiker Sophokles wird von Pseudo-Longin als „Homerfreund“ oder gar als „tragischer Homer“ bezeichnet, und Aischylos soll sein Verhältnis zum Meisterdichter in das schöne Bild gekleidet haben, seine Tragödien seien nichts anderes als Brosamen von den großen Mahlzeiten Homers.
Für jeden Schriftsteller – so Pseudo-Longin – müsse Homer das literarische Gewissen darstellen. Immer müsse man sich fragen: „wie hätte Homer, wäre er anwesend, meine Worte angehört?“ Ohne die homerischen Epen – so Alpheios von Mytilene in der „Anthologia Palatina“ – würden der Literatur die eindrucksvollsten Motive und Stoffe fehlen: Andromaches Klage, Trojas Fall, Ajax im Schlachtgetümmel und Hektors Tod.
Doch der „göttliche Homer“ war nicht nur das bewunderte und nie erreichbare literarische Vorbild. Er wurde als Lehrer der Griechen in allen Bereichen des menschlichen Lebens angesehen. In Xenophons „Symposion“ (1. Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr.) kommt dies deutlich zum Ausdruck: Der in seiner Weisheit unübertroffene Homer biete beinahe für alle Dinge, die uns Menschen betreffen, geeignete Vorbilder und Handlungsmuster.
Doch die Bedeutung Homers als Lehrer der Griechen konnte nicht ohne Widerspruch bleiben. Heftige Kritik kam vonseiten der Philosophen. Sie warfen ihm sein anthropomorphes Götterbild vor. Er habe – so Xenophanes von Kolophon – alles den Göttern angedichtet, was unter Menschen als schändlich gelte: Ehebruch, Diebstahl und Betrug. Platon ging noch einen Schritt weiter. Für die Tragiker und Homer ist in seinem Idealstaat kein Platz, da sie durch ihre mitreißende Darstellung die Seelen der Menschen verwirrten und damit die Ordnung des Staates zerstörten.
Dieser Homer-Kritik versuchte man, um den Klassiker vor allem für didaktische Zwecke zu retten, dadurch entgegenzutreten, dass man die Epen allegorisch auslegte, also einen verborgenen Sinn in den erzählten Geschehnissen entdeckte, sodass sie sowohl im paganen als auch später im christlichen Unterricht weiter gelesen werden konnten.
Achills Groll oder etwa der Sack der Winde, den der Windgott Aiolos Odysseus mit auf den Weg gab und den die Gefährten verbotenerweise öffneten, konnten als Mahnung interpretiert werden, die Affekte im Zaum zu halten, um nicht sich selbst oder den Mitmenschen Schaden zuzufügen. Der Mastbaum, an den gefesselt Odysseus dem Gesang der Sirenen lauscht, wird zum Symbol des Kreuzes, das der wahre Christ tragen muss.





