Matthias Erzberger, einer der führenden Köpfe der katholischen Zentrumspartei, wurde am 20. September 1875 in Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb geboren. Nach der Schule wurde er Volksschullehrer, arbeitete als Journalist und fand schließlich ab 1903 mit gerade einmal 28 Jahren seine Berufung als Politiker im Reichstag.
Während seiner politischen Karriere fiel Erzberger durch seine Wortgewalt, seinen immensen Fleiß und sein großes Engagement für die Arbeiter und Bauern Württembergs auf, deren Organisation in Verbänden er förderte. Erzberger, einer der ersten Berufspolitiker, setzte sich zudem für den Parlamentarismus ein und war entschiedener Gegner des preußischen Beamtenstaats. So deckte Erzberger beispielsweise die Vergewaltigung von minderjährigen afrikanischen Mädchen durch einen preußischen Verwaltungsbeamten auf.
1918 unterzeichnete er, nach Rücksprache mit Hindenburg, den Waffenstillstand von Compiègne, was ihm die Feindschaft der politischen Rechten eintrug. Ein Umstand, der durch Erzbergers Widerstand gegen die Dolchstoßlegende noch verstärkt wurde, bezeichnete er doch die Niederlage im Krieg als Scheitern der alten Eliten des Kaiserreichs. Anders als von seinen Gegnern dargestellt, war Erzberger als Unterzeichner des Waffenstillstands kein Werkzeug der Franzosen. Er, der sich in den ersten Kriegsjahren zunächst für einen Siegfrieden eingesetzt hatte, sah sich gezwungen zu unterzeichnen, um ein Eindringen der Entente-Mächte auf das Gebiet des Reichs und die damit einhergehende Zersplitterung in Einzelstaaten zu verhindern.
Die wohl beeindruckendste Leistung Erzbergers ist die Reform des Steuer- und Finanzsystem 1919/1920. Schon nach Antritt seines Reichstagsmandats 1903 nutzte der ehemalige Volksschullehrer seine politische Position, um in der Budget-Kommission des Haushaltausschusses zu wirken. Auffällig war seine hohe Belastbarkeit, 16 Stunden Tage waren für Erzberger die Regel. Die kommenden Jahre gaben weiteres Zeugnis seiner Kompetenz, Erzberger wurde zu einem der führenden Finanz- und Sozialpolitiker seiner Partei. Den Höhepunkt seiner Karriere als Finanzpolitiker erreichte er mit Ende des 1. Weltkriegs. Er wurde wegen seiner fachlichen Qualifikation Finanzminister der Regierung Bauer. Als Finanzminister setzte er einige der wichtigsten Entscheidungen der Steuer- und Finanzpolitik des 20. Jahrhunderts durch. Deutschland hatte 1919 153 Milliarden Schulden – im Vergleich: 1913 waren es noch fünf Milliarden. Der Haushalt musste dringend konsolidiert werden. Als Finanzminister vereinfachte und vereinheitlichte Erzberger das Steuersystem und setzte den Gedanken der Sozialpflichtigkeit des Eigentums um. Er schuf eine Reichssteuerverwaltung und schwächte damit den vorherrschenden Föderalismus zu Gunsten des Reichs. In nur neun Monaten schuf Erzberger mit seiner Reform ein Steuer- und Finanzsystem, dessen Grundstrukturen wie die progressive Einkommenssteuer, bis heute maßgebend sind.





