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„Es war ein gar zu schreckliches Massaker“
Die Verheerungen, die der Dreißigjährige Krieg mit sich brachte, sind inzwischen weitgehend bekannt. Im Fall des Großen Nordischen Kriegs stehen der Forschung weit weniger Quellen zur Verfügung. Dennoch lässt sich einiges über das harte Leben der Menschen in dieser Zeit sagen.
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Die Schauplätze des Kriegs waren teilweise unwirtliche Gegenden, die landwirtschaftlich kaum zu bewirtschaften waren – etwa Ingermanland und Nordestland –, zumal das Klima zu dieser Zeit besonders rauh war. Das frühe 18. Jahrhundert bildete den Höhepunkt der sogenannten Kleinen Eiszeit, dem frühneuzeitlichen Klimaminimum mit Temperaturen die ein bis zwei Grad unter dem langjährigen Durchschnitt lagen.
Insbesondere der Winter 1708/09 gilt als „Jahrtausendwinter“: Er war der kälteste Winter der letzten 500 Jahre. Es war bis zu acht Grad kälter als der statistische Mittelwert. Thorner Aufzeichnungen vermerken: „So der strenge Winter des Jahres 1709. Die Kälte trat im Januar ein, und hielt den Februar durch an. Garten- und Feldbäume wurden durch diese Kälte vernichtet; die Vögel erfroren in der Luft, und das Wild in Massen in den Wäldern; hierauf fiel vom 25.–28. Februar Schnee.“ Nach diesen Aufzeichnungen hielt der Dauerfrost bis Anfang April an.
Parallel eskalierte der Krieg in der Zentralukraine bei Poltawa: Tausende Soldaten erfroren auf beiden Seiten. Es wird geschätzt, dass fast jeder fünfte Soldat der schwedischen Armee erfror oder an Krankheiten starb.
Die meisten schriftlichen Zeugnisse haben wir von Soldaten, die insbesondere in Unteroffiziers- und Offiziersrängen manchmal Aufzeichnungen hinterlassen haben. Aus ihren Reihen sind auch Korrespondenzen erhalten, und sie tauchen zudem nicht selten in Gerichtsakten auf, da sie mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren.
Über Soldaten in solchen Extremsituationen gibt es nur wenig Zeugenaussagen. Bereits die erste große Schlacht bei Narwa unter winterlichen Bedingungen am 30. November 1700 mündete in ein Gemetzel. Johan Stiernhöök, ein „Leibtrabant“ (Mitglied der Garde) Karls XII., berichtete, dass nach einem langen Anmarsch die durchnässten und schlammverschmierten schwedischen Truppen die russischen Befestigungen stürmten: „Wir massakrierten alles, was uns in die Quere kam, und es war ein gar zu schreckliches Massaker.“
Nach der Schlacht werden Hunderte Gefangene getötet
Überlebende solcher Gefechte waren vielfach in erbärmlichem Zustand. Der sächsische General Johann von der Schulenburg (1661–1747) berichtete im November 1704 nach einem Gefecht bei Punitz (Poniec) in Großpolen: Es sei notwendig, „denen armen matten nackenden und ausgemergelten Leuten, Schuh, Strümpffe und Hemden wieder auff den Leib zu schaffen, undt sie dergestalt verpflegen zu laßen, damit diese Leute bey Zeiten ihre Kräffte wieder erlangen mögen.“
Bei Gefechten in Situationen, in denen Vorräte und ein Tross fehlten, kam es zu Massakern an Gefangenen, die nicht abtransportiert werden konnten. So berichtet der schwedische Leutnant Joachim Lyth über die Ereignisse nach der Schlacht bei Fraustadt 1707: „Seine Exzellenz Herr General Rehnskiöld ließ sofort einen Kreis von Dragonern, Kavallerie und Infanterie bilden, in dem sich die überlebenden Russen, an die 500 Mann, sammeln mussten, worauf sie sofort ohne Gnade in dem Kreis erschossen und erstochen wurden, so dass sie wie geschlachtete Schafe übereinander lagen.“
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Das Ereignis ist in der Historiographie allerdings umstritten, die sächsische Propaganda griff das Massaker auf, die tatsächlichen Opferzahlen sind vermutlich geringer. Doch es stimmt, dass das schwedische Militär gerade für gefangene russische Soldaten keine Verwendung hatte, denn Lösegeldzahlungen waren hier nicht zu erwarten.
Ansonsten waren die Forderungen nach Lösegeld gängige Praxis, meist direkt durch den Soldaten, der die unterlegenen Gegner gefangen nahm. Offiziere wurden oft erst nach langen Verhandlungen gegen hohe Summen oder prominente Gefangene der Gegenseite ausgetauscht.
So wurde der russische Offizier deutscher Herkunft Adam A. Wejde (1667–1720) in Narwa gefangen genommen und nach Stockholm gebracht, wo er bis 1710 blieb und dann im Gegenzug für den bei der russischen Belagerung von Riga in Gefangenschaft geratenen livländischen Generalgouverneur Nils Graf Stromberg (1646 –1723) ausgetauscht wurde. Ausgenommen von diesen Freilassungen waren die als „Verräter“ angesehenen livländischen Adligen, die Karl XII. durch persönlichen Befehl hinrichten ließ.
Einfache Soldaten wurden manchmal – wie 1705 zwischen Schweden und Sachsen – in gleich großen Kontingenten von über 800 Soldaten ausgetauscht. Schwedische Matrosen, die 1715 von einer überlegenen dänischen Flotte vor Kiel gefangenen genommen wurden, verblieben ein Jahr in dänischer Haft in Rendsburg. Von schwedischer Seite kam kein Lösegeldangebot, da die Administration durch den Aufenthalt Karls XII. im Osmanischen Reich (siehe Artikel Seite 32) gelähmt war – zudem gab es kein Geld in der Staatskasse.
Gegnerische Soldaten erwartet ein Schicksal als Galeerensklave
Dem dänischen König dauerte das schließlich zu lange: Er verkaufte 1716 rund 600 Matrosen für durchschnittlich zehn Reichstaler pro Kopf an Venedig, das gerade Krieg gegen die Osmanen führte und Schiffsbesatzungen und Galeerensklaven benötigte. Der Verkauf erfolgte privat an venezianische Offiziere (vielfach deutscher Herkunft). An der Adria angekommen, wurden die Schweden auf Schiffe verteilt und nahmen wahrscheinlich 1717 an der Seeschlacht bei Kap Matapan (Peloponnes) teil, in der die venezianischen Pläne scheiterten, Morea in Griechenland zu behaupten.
Der Fall ist ein Beispiel dafür, dass auch im frühen 18. Jahrhundert in Mitteleuropa noch Sklavenhandel stattfand. Emotionale Appelle – die schwedischen Gefangenen hatten sich zuvor in Briefen in die Heimat beklagt, wie Vieh verkauft zu werden – waren erfolglos geblieben.
Die Grenzen zwischen Militär und Zivilisten waren in dem jahrzehntelangen Krieg aus mehreren Gründen durchlässig: Im Tross der Armeen waren in der frühen Neuzeit auch zahlreiche Zivilisten unterwegs. Offiziere und Unteroffiziere hatten – trotz solche Praktiken ablehnender Befehle – Bedienstete, Frauen und Kinder dabei, die für Verpflegung und Reinigung zuständig waren. So sollen bei Poltawa 1709 rund 5000 russische und rund 2000 schwedische Zivilisten mit den Armeen unterwegs gewesen sein. Auch sie gerieten in die Kämpfe, bis zu 20 000 Schweden wurden gefangen genommen, versklavt und verkauft.
Zweitens wurden die beweglichen Armeen in Ostmitteleuropa wiederholt von informellen Einheiten und Partisanen angegriffen. In solch einem „Kleinen Krieg“ ordneten die Armeeführer drastische Maßnahmen auch gegen Zivilpersonen an. Karl XII. befahl seinem General Carl Gustaf Rehnskiöld (1651–1722), der von Mai bis Oktober 1703 Thorn belagerte: „Die Einwohner im Lande, die Ihr fangen könnt und bei denen der geringste Verdacht besteht, dass sie etwas Unrechtes getan haben, müssen sofort auf halben Beweis hin gehängt werden, so dass Furcht entsteht und sie wissen, dass auch das Kind in der Wiege nicht geschont wird. … Dann ist es am besten, dass Ihr rundumher verheert, sengt und brennt und das Land in einem weiten Umkreis vollkommen öde macht.“ Er verwies darauf, dass er ähnlich vorging: „Von hier ist nichts besonders Wichtiges zu berichten, außer dass es uns gut geht und wir auch jeden Ort niederbrennen lassen, wo sich der Feind sehen lässt. Neulich habe ich eine ganze Stadt eingeäschert und die Bürger aufgehängt.“
Aus diesen improvisierten Maßnahmen in den ersten Kriegsjahren entwickelte sich ein festes Schema des Vorgehens schwedischer Truppen in einem feindlichen Land: Männliche Personen über 15 Jahre, die außerhalb der Siedlungen und der Ernte angetroffen wurden, wurden vielfach zur Abschreckung hingerichtet. Dörfer, die gegnerische Verbände unterstützten, niedergebrannt, nachdem das Vieh fortgetrieben oder geschlachtet worden war. Ähnlich gingen russische Verbände in Estland vor.
Es ist nur zu verständlich, dass solch eine radikale Politik der verbrannten Erde insbesondere den Hass gegen die fremden Soldaten verstärkte. Nils Gyllenstierna (1648 –1720) führte zur Situation in Zentralpolen aus: „Viel Volk wurde massakriert, sowie alles, was sich dort befand, verbrannt, so dass ich glaube, dass die, die überlebten, die Schweden so schnell nicht vergessen werden.“
Wer bezahlt, wird geschont
Der Umgang mit Zivilisten im Krieg hing aber auch von den jeweiligen Rahmenbedingungen ab. Im konfessionsgleichen Sachsen, wo sich August der Starke bereit erklärt hatte, Kontributionen in Höhe von 500 000 Talern zu zahlen und für eine Einquartierung und Verpflegung der schwedischen Soldaten aufzukommen, blieben Plünderungen aus.
Ganz anders im katholischen Polen-Litauen, wo Kontributionen nur vereinzelt von Städten oder adligen Gütern gezahlt wurden, sich die Truppen dagegen aus dem Land ernährten. General Magnus Stenbock (1665 – 1717) berichtete: „Ich marschierte mit der Fackel in der Hand, und wenn mir Dörfer begegneten, die keine Kontributionen gezahlt hatten, legte ich an allen vier Seiten Feuer; zahlreich Bauern wurden bei diesen Gelegenheiten von den Flammen verschlungen.“
Als die schwedischen Truppen 1708 nach Litauen und in die Ukraine aufbrachen, um auch noch den russischen Gegner zu besiegen, radikalisierte sich die Politik gegenüber der Zivilbevölkerung. Um den schwedischen Vormarsch zu stabilisieren, suchte man eine Unterstützung des Gegners durch die Zivilbevölkerung zu untersagen. In einem Befehl hieß es: „Falls jemand dem Feind Essen bringt, sogar für Geld, soll diese Person gehängt werden; auch jeder, der davon weiß und nichts sagt. Auch sollen die Dörfer, aus denen Essen gegeben wird, niedergebrannt werden.“
Insbesondere auf dem Gebiet der heutigen Ukraine wurde der Krieg gnadenlos geführt. Als russische Truppen am 13. November 1708 die Residenz des Kosakenhauptmanns in Baturyn stürmten, kam es zu Massakern an den Einwohnern der Stadt. Russische Beteiligte berichteten: „Wir töteten den Rest [der Bevölkerung] und brannten die Stadt nieder mit allem darin und zerstörten sie bis zu den Grundmauern.“
Als schwedische Truppen 1713 an Altona vorbeizogen, forderten sie 100 000 Taler, damit die Stadt verschont würde. Als das Geld ausblieb, wurde die Stadt vollständig zerstört.
Der mit umfangreichen Beschlagnahmen von Lebensmitteln und Ernten sowie Requisitionen geführte Krieg löste zudem sehr schnell erhebliche Versorgungskrisen aus. Bauern, denen die Ernte weggenommen oder die Häuser angesteckt worden waren, standen vor dem Nichts und hungerten, oft in notdürftig wiederaufgebauten Hütten. Viele gingen in andere Siedlungen oder Städte, um zu überleben.
Diese Bedingungen begünstigten das Auftauchen der Pest und anderer Infektionskrankheiten. Erste Fälle der Pest verzeichnete man 1702 mit dem Vormarsch schwedischer Truppen in Südpolen. Von dort aus verbreitete sich die Epidemie insbesondere im vom Krieg gezeichneten Nordosteuropa. Schwerpunkte lagen in den mehrfach belagerten und eroberten Ostseestädten wie Danzig oder Riga, von dort aus griff die Pest auf das flache Land, insbesondere in Preußen, Livland und Estland, über.
Über ein Drittel der Bevölkerung fällt der Pest zum Opfer
Die Städte suchten der Pestwelle durch Quarantäne und Isolationsmaßnahmen zu begegnen, in der Regel vergeblich: So ließ das vom Handel abhängige Danzig weiter Waren in die Stadt ein, die preußischen Behörden in Königsberg dagegen schlossen Stadt und Land für den Waren- und Personenverkehr. In beiden Regionen starb jedoch über ein Drittel der Bevölkerung. Der außerordentlich kalte Winter 1708/09 verschlechterte die öffentliche Gesundheit und die Versorgung der Bevölkerung weiter. Hungersnöte und Pestwellen verstärkten sich wechselseitig, in einigen Regionen starb sogar die Hälfte der Bevölkerung.
Die Gesamtbilanz dieser letzten großen Pest-Epidemie ist düster: In den am Krieg beteiligten Staaten starben durch die Pest und andere Seuchen bis 1714 mehr als eine Million Menschen. Die Epidemie zählt damit zu den schwersten Seuchenzügen im Europa der frühen Neuzeit. Ursachen sind in der Kriegssituation, der Mangelernährung und den katastrophalen Lebensbedingungen der Bevölkerung sowie den ungünstigen klimatischen Bedingungen zu suchen.
Besonders betroffen waren die Menschen in den vom Krieg gezeichneten kalten und niederschlagsreichen Ostseeprovinzen. 1715 schrieb ein hannoverscher Diplomat: „In Estland hat der Krieg wenige Dörfer übriggelassen. Das Land ist wegen des Menschenmangels nur zu einem Viertel bewohnt, und man kann noch sehen, was für eine Menge Häuser durch die Flamme des Krieges verzehrt wurde.“ Es sollte ein halbes Jahrhundert dauern, bis die Kriegsfolgen für die Menschen überwunden waren.
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