Schubert geht davon aus, daß die Lösung der Ernährungsfrage eine Hauptfunktion von Gesellschaften ist und daß diese Frage dazu führt, daß Gesellschaften überhaupt entstehen. Ernährungsgeschichte ist deshalb Gesellschaftsge-schichte. Ziel des Autors ist es, vorrangig die Ernährungsweise des Großteils der Bevölkerung, des „gemeinen Mannes“, darzustellen. Und so erwartet den Leser keine opulente Rezeptsammlung, sondern zunächst der ernüchternde Hinweis, daß mit Wasser zubereiteter, ungezuckerter Haferbrei das verbreitetste Gericht des Mittelalters war. Ja, es kommt noch schlimmer: Da Hunger und Hungersnöte im Mittelalter keine Besonderheit, sondern Alltag waren, ist zunächst vom Hunger die Rede, bevor Schubert auf die Herstellung, den Vertrieb und den Konsum von Grundnahrungsmitteln wie Salz, Brot, Fleisch und Fisch eingeht.
Beim Thema „Trinken“ beschränkt sich der Autor hauptsächlich auf diejenigen Getränke, die man im Mittelalter zu sich nehmen konnte, ohne gesundheitliche Schäden fürchten zu müssen, nämlich Wein und Bier. Wasser wurde, zumindest in den Städten, nur im Notfall getrunken, da es nicht von Keimen gereinigt werden konnte.
Im letzten Teil des Werks wird der Frage nachgegangen, wie Essen und Trinken mit den Rechtsordnungen der Bauern und Handwerker bzw. mit den Hofordnungen verbunden waren. So wird der komplexe Zusammenhang von Ernährungsfrage, Gesellschaft und Verfassung deutlich.
Auch wenn berechtigterweise eingewandt worden ist, daß Schubert in seiner Ernährungsgeschichte zuwenig die wichtige Rolle der Kirche und der Klöster berücksichtigt, ist sein anschaulich geschriebenes Buch jedem zu empfehlen, der sich ein ungeschminktes und detailliert ausgearbeitetes Bild von den mittelalterlichen Lebensbedingungen machen möchte.
Rezension: Talkenberger, Heike





