Entdeckt hatten die Fachleute des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland den Brunnen in einer Siedlung aus der Jungsteinzeit unweit des Dorfes Merzenich-Morschenich. Der Brunnen war ihnen zunächst als flache Geländemulde im Boden aufgefallen. Das Holz der oberen Schichten war im Laufe der Jahrtausende komplett vergangen. Erst in über 13 Metern Tiefe stieß das Grabungsteam des LVR dann auf gut erhaltene Holzreste: In der Grundwasser führenden Kies- und Sandschicht haben sich die pechschwarzen Eichenbohlen unter Sauerstoffabschluss erhalten. Zum Bau des Brunnens hatten die frühen Siedler einen trichterförmigen Schacht gegraben; sein Durchmesser verringerte sich von rund zwölf Metern auf etwa zwei Meter im Sohlenbereich. In diesem Schacht wurde der Holzkasten nach Zimmermann-Art von unten nach oben gebaut. Im erhaltenen Bereich betrugen die Abmessungen des Kastens etwa 1,60 zu 1,60 Meter.
Der wissenschaftliche Grabungsleiter Dr. Wolfgang Gaitzsch: “Es handelt sich um eine technische Meisterleistung. Die Erbauer mussten rund 1.000 Kubikmeter Sand und Kies aus dem 15 Meter tiefen Schacht befördern. Der Brunnenkasten wurde von ihnen abgedichtet und auch gewartet.” Der jetzt freigelegte Brunnen ist der zweite von außergewöhnlicher Tiefe, der im Rheinland entdeckt wurde. 1990/91 hatten die Archäologen des LVR bei Erkelenz-Kückhoven im Kreis Heinsberg einen 5090 vor Christus errichteten 13 Meter tiefen Brunnen entdeckt. Der Brunnen von Morschenich ist daher mit 15 Metern der tiefste steinzeitliche Brunnen Europas.
Der Brunnen liegt im Zentrum einer Großsiedlung aus der Bandkeramik. Der Zeitabschnitt von etwa 5.500 bis 4.900 vor Christus wird so genannt, weil es seinerzeit in Mitteleuropa Mode war, handgeformte Tongefäße mit eingeritzten Bandverzierungen zu schmücken. Prof. Dr. Jürgen Kunow, Leiter des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland: “Eine herausragende Bedeutung für die Archäologie im Rheinland haben die Bandkeramiker deshalb, weil sie die ersten Menschen waren, die hier feste Häuser und Siedlungen errichteten, von denen aus sie ihre Felder bestellen konnten und Viehhaltung betrieben.” Die Archäologen sehen in dem Brunnenfund eine Bestätigung mehr, dass die rheinischen Steinzeitbauern technisch in der Lage waren, sich unabhängig von Bächen mit Frischwasser zu versorgen. Milena Karabaic, Kulturdezernentin des LVR: “Im Rheinland befindet sich die am besten untersuchte bandkeramische Siedlungskammer in Mitteleuropa. Mit den neuen Großsiedlungen im Umfeld des Tagebaus Hambach, die komplett mit Siedlung, Brunnen und Gräberfeld ausgegraben wurden, mehren sich auch unsere Erkenntnisse über die Zeit der sogenannten Bandkeramiker, in der sich die ersten Bauern hier bei uns niedergelassen haben. Ich bin beeindruckt, was die Menschen damals schon geleistet haben.”





